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Haken, Öse, Mother's Kiss

Wie man Fremdkörper aus Nase und Ohr von Kindern entfernt

Haben Kinder sich erst einmal einen Gegenstand in die Nase gesteckt, ist die Gefahr, ihn bei unzulänglichen Entfernungsversuchen noch tiefer hineinzuschieben, gross.

Kleine Nahrungsteile, Spielzeug, Batterien – fast alles landet gelegentlich in den Ohren und Nasen von Kindern. Wie man diese Fremdkörper entfernt, hängt vor allem vom Alter des Patienten, der Form und Konsistenz des Gegenstandes, und dem, was an Werkzeugen zur Verfügung steht, ab. Expertentipps einer Notfallmedizinerin.

«Kinder sind neugierige Wesen – sie wollen die Welt entdecken. Dabei landen sie früher oder später bei ihren Körperöffnungen», fasst PD Dr. Michelle Seiler, Leitende Ärztin und Leiterin akademischer Bereich Notfallstation am Universitäts-Kinderspital Zürich, die Ausgangssituation zusammen (1). Wollen Nase und Ohren erforscht werden, können Essensbestandteile und kleinere Spielzeugteile in den Öffnungen landen. Helfen die Eltern dann noch etwas nach, indem sie durch Entfernungsversuche den Fremdkörper noch tiefer hineinbefördern, landen die Kinder dann oft auf der Notfallstation – mit tiefliegenden Fremdkörpern in Nase oder Gehörgang.

Altersgipfel von Fremdkörpern in der Nase: zwischen zwei und fünf Jahren

Dass Gegenstände in der Nase landen, ist kein Sonderfall, sondern kommt sehr häufig vor, erklärt PD Dr. Seiler. Der Altersgipfel liegt dabei bei zwei bis fünf Jahren – meist ist das rechte Nasenloch betroffen. Das liegt daran, dass die meisten Kinder Rechtshänder sind. Dr. Seiler kann besorgte Eltern aber beruhigen. „Die Sorge, dass sich der Fremdkörper verschieben könnte, und dass das Kind diesen im Schlaf aspirieren könnte, ist gemäss der Literatur unbegründet.“

Grundsätzlich stellen Fremdkörper in der Nase diese Situation auch sonst keine Notfallsituation dar. Mit zwei Ausnahmen:

  1. Batterien (diese führen schnell zu Verätzungen)
  2. Mehrere Magnete (steckt sich ein Kind einen Magneten in das rechte, und einen in das linke Nasenloch, ziehen diese sich an – das kann zu einer Nekrose des Nasenseptums führen)

Wie entfernt man einen Fremdkörper aus der Nase?

Die grundsätzliche Empfehlung von PD Dr. Seiler bei Fremdkörpern in Körperöffnungen ist es, mit einer Stirnlampe zu arbeiten – «so hat man eine gute Lichtquelle und dennoch beide Hände frei.»

Auch das richtige Greif-Instrument ist entscheidend: Um weiche oder kleine eckige Fremdkörper zu mobilisieren, eignen sich dabei Pinzetten und Fasszangen. Ziel ist es, den Fremdkörper mittig zu greifen, und zu versuchen, ihn möglichst im Ganzen herauszuziehen. Handelt es sich aber um harte oder runde Fremdkörper, nimmt man am besten eine Öse oder einen Haken zur Hilfe, mit denen man versuchen kann, hinter den Fremdkörper zu gelangen, um ihn mit stetem Zug herauszuziehen.

Nicht empfehlen kann PD Dr. Seiler hingegen die immer wieder zitierte Superkleber-Methode. Dabei wird Superkleber vorne auf ein Wattestäbchen aufgetragen – diese Kombination führt man dann in das Nasenloch ein. Idealerweise kann man den Gegenstand dann aus der Nase ziehen. In der delikaten Situation einer Fremdkörperentfernung, in der sich Kinder oft auf das Heftigste wehren, landet der Superkleber dann aber schnell in der Nase – kein schöner Gedanke.

Wie kleine Patienten am ehesten mithelfen

«Am besten ist es, den Fremdkörper bereits beim ersten Versuch zu entfernen», so PD Dr. Seiler. «Denn ansonsten nimmt die Kooperationsbereitschaft des Kinders rasant ab.» Der Schlüssel dazu ist eine gute Vorbereitung, sowie dem Kind zum maximal möglichen Wohlbefinden zu verhelfen. Dazu gehört, das Kind bequem zu platzieren, zum Beispiel auf den Schoss einer Bezugsperson. Diese kann das Kind dann umarmen und gleichzeitig seine Arme fixieren. Auch eine Lokalanästhesie mittels Lidocain-Tropfen kann dabei helfen, dass das Kind sich wohler fühlt.

Bei der Prozedur selbst empfiehlt es sich, die Nasenspitze leicht nach oben zu drücken – dann sollte man den Fremdkörper gut sehen können. Abhängig von der Beschaffenheit des Gegenstandes sollte man dann das richtige Instrument wählen. Muss eine Öse oder ein Haken hinter den z.B. runden Fremdkörper positioniert werden, sollte man das nie medial versuchen – das Nasenseptum ist viel empfindlicher als die laterale Nasenwand.

«In der Realsituation braucht man mehrere Versuche. Oft wehrt das Kind sich, manchmal kann es zu leichten Verletzungen kommen,» gesteht PD Dr. Seiler ein.

Gibt es auch sanftere Methoden?

Ja, die gibt es. Um den Fremdkörper aus dem Nasenloch zu befördern, kann es helfen, einen Überdruck anzulegen. Bei älteren Kindern geschieht das über das Schneuzen: Dabei atmet das Kind tief durch den Mund, hält sich das freie Nasenloch zu, und atmet dann kräftig durch das Nasenloch mit dem Fremdkörper aus.

Bei kleineren Kindern kann man einen Überdruck mittels „Mother’s kiss“-Methode erzielen. Dabei umschliesst die Mutter den offenen Mund des Kindes mit ihren Lippen, hält das freie Nasenloch zu, und pustet kräftig in den Mund. In manchen Fällen gelingt es, und der Fremdkörper fliegt aus dem Nasenloch. «Auch im Spital macht man das – allerdings adaptiert, mit einem Ambu-Beutel.» Zu beachten ist dabei, dass das Nasenloch mit dem Fremdkörper nicht unter der Maske zu liegen kommt. Dann wird das freie Nasenloch zugehalten, und anschliessend der Ambu-Beutel fest und stossartig zusammengedrückt.

Was tun bei Fremdkörpern in Ohren, oder Zungen, die in Flaschen stecken?

«Auch Fremdkörper in den Ohren sehen wir häufig», berichtet die Expertin. «Dabei bleibt der Fremdkörper dann meist am Übergang zwischen Knorpel und Knochen stecken.» Da das äussere Drittel des Gehörganges flexibel ist, bestehen gute Chancen, den Gegenstand zu entfernen. Auch hier ist es wieder wichtig, das richtige Instrument zu wählen. «Versuchen Sie keinesfalls, einen runden Fremdkörper mit einer Pinzette zu entfernen.» Da ist dann vorprogrammiert, dass dieser noch tiefer hineingestossen wird. Im schlimmsten Fall ist im Anschluss eine Narkose notwendig, um den Gegenstand wieder zu entfernen.

PD Dr. Seiler hat auf ihrer Abteilung schon viele Unfälle gesehen: «Kinder schaffen alles. Sie schaffen es auch, mit der Zunge in einer Flasche stecken zu bleiben.» In dieser Situation muss Luft in die Flasche appliziert werden, um den Unterdruck zu beseitigen. Versuche, Gleitgel zwischen Zunge und Flaschenöffnung zu applizieren, oder ein mögliches Vakuum durch ein Loch in der Flasche zu entlasten, funktionieren hingegen nicht.

Referenz

  1. «6 Highlights in 60 Minuten – Pädiatrie», Forum für medizinische Fortbildung (FomF) Schweiz, 23. Mai 2022
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