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Patientinnen profitieren von Chirurginnen

Mehr Frauen ans Messer

Nur rund 20 Prozent der Chirurgen sind in der Schweiz Frauen.

Nur rund ein Fünftel der Chirurgen in der Schweiz ist weiblich. Viele Jung-Medizinerinnen trauen sich das Fach nicht zu, obschon Frauen hier genauso erfolgreich sein können wie Männer. Mehr Frauen sollen in die Chirurgie, forderte Professor Dr. Natascha­ C. Nüssler, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie, an einer Pressekonferenz der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie (1).

Bislang scheint die Chirurgie für Ärztinnen wenig attraktiv zu sein. Nicht einmal 20 Prozent der Chirurgen sind in der Schweiz Frauen, wie die FMH-Ärztestatistik der letzten zehn Jahre zeigt (2). Während hierzulande der Frauenanteil unter den Medizinern von 2010 bis 2020 um rund zehn Prozent gestiegen ist, machen nicht-chirurgische und teil-chirurgische Fächer hierbei den Löwenanteil aus.

Weibliche Vorbilder fehlen

«Dies liegt vermutlich unter anderem an den fehlenden weiblichen Vorbildern», bedauerte Prof. Nüssler, die sich als Deutsche mit ähnlichen Verhältnissen konfrontiert sieht. Denn an weiblichem medizinischen Nachwuchs mangelt es keinesfalls, etwa 70 Prozent der Studierenden in Deutschland sind aktuell Frauen.

«Frauen wird nicht zugetraut, dass sie diese Aufgaben genauso gut bewältigen können wie Männer», kritisierte die Chefärztin der Münchener Klinik in Neuperlach. Dieser Zweifel würde sich dann auch bei den Studentinnen festsetzen. Dabei sind «Frauen genauso kompetent und bedürfen der Förderung», so die Ärztin weiter.

Ein Wandel sei schon an vielen Kliniken im Gange, ist die Erfahrung von Professor Dr. Hauke­ Lang­, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie. «Wir haben viel mehr Assistenzärztinnen als Assistenz­ärzte in Mainz. Die Qualifikation ist bei beiden Geschlechtern gleich und das ist das einzige Argument, was bei uns zählt.»

Studentinnen übernehmen den allgemeinen Zweifel

Weiterhin ist es wichtig, ein Bewusstsein für diesen Umstand zu schaffen – auch bei den niedergelassenen Ärzten. So überweisen einer US-amerikanischen Studie zufolge Ärzte häufiger an Chirurgen statt an Chirurginnen. «Vermutlich lässt sich das auch auf Deutschland übertragen», bewertete Prof. Nüssler.

Ein Wandel komme nicht nur den Ärztinnen zugute, sondern auch den Patientinnen. Denn Frauen, die von einem männlichen Kollegen operiert wurden, wiesen ein bis zu 15-prozentig erhöhtes Risiko für postoperative Komplikationen auf. Zu diesem Ergebnis kamen kürzlich kanadische Forschende in einer im Journal JAMA Surgery veröffentlichten Studie (3)­. Sie untersuchten mehr als 1,3 Millionen Erwachsene, die sich zwischen 2007 und 2019 einer geplanten oder dringlichen OP unterzogen. Andere Geschlechterkonstellationen wie Ärztin und Patient hatten keinen Einfluss.

«Ärzte interpretieren Befunde von Frauen anders»

«Das hat nichts mit den chirurgischen Fähigkeiten zu tun», bekräftigte Prof. Nüssler. So kenne man das Phänomen bereits von anderen Fächern. Beispielsweise haben Frauen mit Herzinfarkt ein höheres Mortalitätsrisiko im Vergleich zu Männern, wenn sie von einem Arzt behandelt werden. «Ärzte neigen dazu, Befunde von Frauen und Männern unterschiedlich zu interpretieren,» sagte die Münchener Ärztin. Und nannte direkt einen weiteren Grund: «Patientinnen öffnen sich oft einem männlichen Arzt gegenüber nicht ausreichend». Als Lösungsansatz schlug die Expertin gemischtgeschlechtliche Teams vor. «Das schaffen wir aber nur, wenn wir mehr Frauen für die Chirurgie gewinnen können».

Referenzen

  1. Pressemitteilung DCK 2022: «Studie: Alleinige Behandlung durch männliche Chirurgen erhöht das postoperative Risiko weiblicher Patienten.» Deutsche Gesellschaft für Chirurgie, am 24. März 2022
  2. FMH Ärztestatistik 2021
  3. Wallis CJD et al. Association of Surgeon-Patient Sex Concordance With Postoperative Outcomes. JAMA Surg. 2022 Feb 1;157(2):146-156. doi: 10.1001/jamasurg.2021.6339. 
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