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Feuerwerk im Hirn

Nahtoderleben lässt sich neurobiologisch erklären

Nahtoderlebnisse sind kein Blick ins Jenseits, sondern in das eigene Gehirn, das spontan und verzerrt bereits gespeicherte Inhalte reproduziert. Die Phänomene lassen sich durch neurophysiologische Prozesse erklären, die in lebenskritischen Situationen im Gehirn ablaufen.

Frau läuft in einen Nebeltunnel

In zwei Drittel der Fälle haben Nahtod-Erlebnisse einen positiven Charakter.

Etwa 10–20 Prozent der Menschen, die nach einem Herzstillstand erfolgreich reanimiert wurden, erinnern sich später an Nahtoderlebnisse, die sie trotz scheinbarer Bewusstlosigkeit wahrgenommen haben. Bei vielen prägen sie das ganze weitere Leben, wie Professor Dr. Wolfgang Heide von der Klinik für Neurologie am AKH Celle erklärt (1). Mit einem Blick ins Leben oder die Welt nach dem Tod hat das eher nichts zu tun, obwohl es oft so vermittelt wird. Keiner der Menschen, die über Nahtoderlebnisse berichten, hatte «kurz mal» die Schwelle des klinischen Tods überschritten, stellte der Experte klar.

In zwei Drittel der Fälle haben Nahtoderlebnisse einen positiven Charakter: Patienten sehen einen Tunnel mit einem starken Licht am Ende. Viele nehmen sich selbst auch ausserhalb des eigenen Körpers wahr und empfinden Frieden und Geborgenheit. Jeder dritte Bericht hat negative Inhalte, etwa das Empfinden höllenartiger Situationen.

An tatsächliche Ereignisse erinnerten sich nur 2 Prozent

In der AWARE-Studie wurden vor einigen Jahren Interviews mit 140 Überlebenden eines Herzstillstands geführt und ausgewertet. 46 Prozent der Teilnehmer erinnerten sich an die Akutphase der Reanimation und berichteten über sieben verschiedene Themen: helles Licht, Tiere oder Pflanzen, Furcht, Verfolgung bzw. Gewalt, Déjà-vu-Erlebnisse, verstorbene Angehörige und frühere eigene Erlebnisse. Nahtoderlebnisse im engeren Sinne, d.h. Licht am Ende des Tunnels, Out-of-Body-Empfinden und Depersonalisation, hatten neun Prozent der Befragten. Ereignisse, die tatsächlich während der Reanimation stattgefunden hatten, waren zwei Prozent der Patienten noch bewusst.

«Nahtoderlebnisse sind nichts Para­normales, sondern können mit Hirnfunktionsmechanismen erklärt werden», so Prof. Heide. Visuelle Phänomene sind etwa mit einem deutlich erhöhten CO2-Spiegel assoziiert, wie eine prospektive Studie zeigte. Die Wahrnehmung eines zentralen Tunnels mit Licht am Ende lässt sich damit erklären, dass bei Sauerstoffmangel in der Sehrinde des Gehirns der foveale Bereich des zentralen Sehens als Letztes erhalten bleibt.

Meditation und Auren begünstigen Nahtoderlebnisse

In der Literatur wird berichtet, dass Menschen, die unter Migräne­auren leiden, signifikant häufiger Nahtoderleben erfahren. Assoziiert wird dies mit dem gemeinsamen Mechanismus der «Spreading Depression». Dabei entstehen Spikes, die kurzzeitig den visuellen Kortex stimulieren können. Auch Patienten, die REM-Intrusionen zeigen, also kurze REM-Schlaf-Phasen im Wachzustand, oder die stark religiös sind, neigen verstärkt zu Nahtoderleben. Zudem spielen Neurotransmitter eine Rolle. Das Gehirn setzt zum Beispiel unter extremem Stress Endorphine frei. Halluzinogene wie der NMDA-Rezeptorantagonist Ketamin können auch Nahtoderlebnisse provozieren.

Diese sind ebenfalls durch Meditation induzierbar. Denn beim Meditieren wird der rechte Parietallappen inaktiviert, der eine wichtige Rolle für die Raumorientierung und Selbstperzeption spielt. Durch elektrische Stimulation der Region im temporo­parietalen Übergang («Nahtodregion») lassen sich reproduzierbare Out-of-Body-Erfahrungen triggern. Möglicherweise werden Nahtod­erfahrungen auch durch epileptische Aktivität im Temporal­lappen verursacht.

Referenz
  1. 39. Arbeitstagung NeuroIntensivMedizin ANIM 2022, 20. – 22. Januar 2022, digital
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