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Eindeutig evidenzbasiert

Sublinguale Immuntherapie: Tipps für die Praxis

Die Immuntherapie kann z.B. eine Gräserpollenallergie stark verbessern

Ein Allergologe führt aus warum die sublinguale Desensibilisierung der subkutanen in ihrer Wirksamkeit um nichts nachsteht, und gibt Kollegen einen Leitfaden für die praktische Anwendung.

PD Dr. Martin Glatz, Facharzt für Allergologie und klinische Immunologie sowie Dermatologie und Venerologie und Leiter einer Facharztklinik in Uster, behandelt seit zwei Jahren regelmässig Allergiker mit der sublingualen Immuntherapie (SLIT) (1).

SCIT oder SLIT?

«Im Grossen und Ganzen scheinen die SLIT und die SCIT eine vergleichbare Wirksamkeit zu besitzen,» sagt PD Dr. Glatz. Für ihn ist die evidenzbasierte Medizin jedoch eindeutig auf der Seite der Sublingualtherapie: «Die jetzt verfügbaren SLIT-Präparate haben Zulassungsverfahren der EMA durchlaufen. Im Zuge deren musste die Wirksamkeit und Sicherheit der Desensibilisierungspräparate sowohl bei Erwachsenen als auch Kindern gezeigt werden.» Die SCIT, die erstmals 1911 durchgeführt wurde, sei dagegen zwar eine über mehr als ein Jahrhundert etablierte Therapie, «es gibt jedoch kaum gute Studien und oft auch keine Zulassung.»

Die sublinguale Desensibilisierung gegen Gräserpollen konnte in Studien beispielsweise sowohl kurzfristig als auch langfristig die Allergie-Symptome und den Arzneimittelbedarf um rund ein Drittel senken. In einer grossen Real-World-Analyse verhinderte die Sublingualtherapie ausserdem den Etagenwechsel von der allergischen Rhinitis zum Asthma. «Es gibt aber auch Studien, die das nicht gezeigt haben,» räumt PD Dr. Glatz ein.

Gute Aufklärung verbessert die Therapieadhärenz

Neben der Wirksamkeit sei seinen Patienten wichtig, was eine SCIT oder SLIT für ihren Alltag bedeute. «Ein Vorteil der Sublingualtherapie ist, dass Patienten mit der Tablette selbstständig sind, während die subkutane Therapie durch den Arzt verabreicht werden muss. Ein Nachteil der SLIT ist, dass sie einmal täglich eingenommen werden muss, während die SCIT nur einmal pro Woche oder einmal im Monat verabreicht wird.»

Vergleichbar ist hingegen die Therapiedauer von SCIT und SLIT: Bei beiden beträgt sie mindestens drei Jahre. «Es ist besonders wichtig für die Therapieadhärenz, dass die Patienten schon zu Therapiebeginn darüber aufgeklärt werden, dass eine Desensibilisierung drei Jahre oder länger dauert,» resümiert PD Dr. Glatz.

Mögliche Nebenwirkungen bespricht der Experte vorab gleich zweimal mit den Patienten: Das erste Mal im Zuge des Aufklärungsgesprächs, das zweite Mal, wenn der Patient die erste Tablette einnimmt. Zu den häufigen Nebenwirkungen, die zwischen 25 und 30 Prozent der Patienten betreffen, gehören lokale Reaktionen wie Juckreiz oder Schwellungsgefühl in Mund-Rachen-Raum, Halskratzen oder Ohrenjucken. PD Dr. Glatz gibt den betroffenen Patienten mit, dass diese Nebenwirkungen meist nur in den ersten Tagen nach Therapiebeginn auftreten und meist nur mehrere Minuten dauern.

Schwere systemische Nebenwirkungen wie Heuschnupfen-Symptome, generalisierte Urtikaria oder Asthmaanfälle sind glücklicherweise eher selten – «bei mir ist das vielleicht zwei, drei Mal in den letzten zwei Jahren passiert, bei rund fünf Patienten, die ich im Schnitt pro Woche einstelle.»

Im dritten Jahr nimmt nur noch ein Drittel die Tabletten ein

Bei der SLIT wird die Einnahme der ersten Dosis unter ärztlicher Überwachung durchgeführt. PD Dr. Glatz bittet seine Patienten, sich dafür rund 60 Minuten Zeit zu nehmen. «Die Fachinformation empfiehlt zwar nur 30 Minuten, aber um mehr Ruhe in den Praxisablauf zu bringen, plane ich eine Stunde ein. Wenn alles in Ordnung ist, darf der Patient nach 30 Minuten gehen.» Gemeinsam mit dem Präparat bekommen die Patienten ein Notfallset – bestehend aus Antihistaminika und Kortison – mit, sowie eine Allergie-Notfallbox als Schlüsselanhänger, in der diese Medikamente aufbewahrt werden sollen.

«Aus epidemiologischen Studien wissen wir, dass ohne Nachkon­trollen im dritten Therapiejahr nur mehr ein Drittel der Patienten die Tabletten einnehmen.» Der Referent plant daher routinemässig einen Monat nach der Erstgabe einen kurzen Termin ein. An diesem werden etwaige Nebenwirkungen besprochen, sowie, ob die Therapie ordnungsgemäss durchgeführt wurde. Ausserdem versucht der Allergologe gemeinsam mit dem Patienten abzuklären, ob die Einnahmetechnik die richtige ist. «Es gibt immer wieder Patienten, die dann doch auf Spritzen umsteigen wollen», so der Experte.

Zum Schluss empfahl PD Dr. Glatz alle drei Monate einen Kontroll­termin beim Haus- oder Kinderarzt, bei der die Patienten auch neue Packungen abholen. «Dann sieht man auch, wie viel der Patient wirklich benötigt.»

Referenz

Allergologie Update Refresher, Forum für medizinische Fortbildung (FOMF), Satellitensymposium Firma ALK, online, am 15.11.2021

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