Home / Medizin / Allgemeine Innere Medizin / Die Macht der Düfte

Aromatherapie auf dem Weg in die evidenzbasierte Medizin?

Die Macht der Düfte

Möglicherweise sind alle Versuche, die Aromatherapie auf eine solide wissenschaftliche Basis zu stellen, zum Scheitern verurteilt – denn Wirkeffekte, die über Sinneseindrücke und die Gefühlsebene erzielt werden, lassen sich kaum objektiv messen. Doch es gibt vielversprechende Ansätze.

Blühender Lavendel

Erst seit gut 20 Jahren wird zur Wirkweise ätherischer Öle klinisch geforscht. Technisch stellt sich dabei das Problem der reproduzierbaren Dosierung. Denn die als wirksam erachteten Substanzen werden mittels Duftlampen oder Vernebler zur Inhalation gebracht, über beträufelten Mull oder Gaze vor Nase bzw. Mund platziert oder per äusserlicher Einreibung sowie in Form von Badezusätzen angewendet.

Geruchloses Placebo wird von Teilnehmern bemerkt

In allen Fällen lassen sich lediglich die Details der Darreichung präzise beschreiben, nicht aber die Konzentration eines ausgewählten Wirkstoffs oder dessen effektive Dosis am Ort des Effekts, den Siebbeinzellen der Nasennebenhöhlen, erläutert Dr. Rainer Stange von der Abteilung für Naturheilkunde am Immanuel Krankenhaus Berlin. Klinische Studien können in der Aromatherapie also nur Hinweise auf die Wirksamkeit einer Pflanze geben. Eine weitere Schwierigkeit besteht darin, einen geeigneten Komparator für den Kontrollarm einer randomisierten Studie zu finden. Denn die Teilnehmer merken es oft sofort, wenn sie mit einem geruchlosen Öl behandelt werden.

Die Einsatzmöglichkeiten der Aromatherapie sind vielfältig und beinhalten neben anderem die Behandlung von Schmerzen, Depressionen oder Schlafstörungen. In seiner Übersichtsarbeit berichtet Dr. Stange von ausgewählten Einzelstudien, Übersichtsarbeiten und Metaanalysen, um die Breite möglicher Indikationen deutlich zu machen.

  • Chirurgie: 60 herzchirurgische Patienten, die noch in Narkose vernebeltes Pfefferminzöl inhalierten, hatten nach dem Aufwachen signifikant weniger Übelkeit und Erbrechen. Dauer und Schweregrad der Übelkeit waren deutlich geringer als bei der Kontrollgruppe, die die Zusatztherapie nicht erhalten hatte.

    Die Aromatherapie mit zwei Tropfen 3%iger Bergamotte-Orangen-Essenz vor einer laparoskopischen Cholezystektomie reduzierte Angst und Stress der Patienten (gemessen an der Alpha-Amylase-Konzentration im Speichel) vor und nach dem Eingriff deutlich. Das Öl wurde auf einen am Kragen befestigten Wattebausch zur Inhalation gegeben, als Scheinbehandlung diente geruchloses Traubenkernöl.
  • Geburtshilfe und Post- partum-Beschwerden: In einer dreiarmig randomisierten Studie nutzten 635 Mütter über zehn Tage nach der Entbindung reines Lavendelöl, synthetisches Lavendelöl oder eine inerte Substanz als Badezusatz. Für das reine Öl fand sich eine Tendenz zu sinkenden Post-partum-Beschwerden zwischen dem dritten und fünften Tag.

    61 Frühgeborene erhielten wie üblich am sechsten Lebenstag eine Fersenpunktion zur Gewinnung einer kapillaren Blutprobe. Zur Schmerzreduzierung inhalierten die Kinder drei Minuten vor und 30 Sekunden nach der Prozedur von einer Gaze, die mit Lavendelöl bzw. mit Wasser getränkt war. Per Videoaufzeichnung beurteilten zwei geblindete Beobachter den Schmerz der Kinder. Mit dem Öl war die Blutabnahme etwas weniger schmerzhaft. In der Nachbeobachtung vergrösserte sich der Unterschied und erreichte Signifikanzniveau.
  • Zahnbehandlungen: Vor einer Zahnbehandlung atmeten 24 Kinder randomisiert in der Raumluft vernebeltes Lavendelöl bzw. destilliertes Wasser ein. Diejenigen, die das Öl inhaliert hatten, beurteilten die Injektion eines Lokalanästhetikums als deutlich weniger schmerzhaft als die Kinder aus der Wassergruppe. Nach der Aromatherapie, aber noch vor dem Start der Zahnbehandlung, fand sich bei der ersten Gruppe signifikant weniger Cortisol im Speichel. Auch die Herzfrequenz war niedriger.
  • Übelkeit und Erbrechen: Isopropylalkohol liess die Beschwerden von Patienten, die wegen Übelkeit und Erbrechen in der Notaufnahme erschienen waren, schon nach zwei Minuten signifikant zurückgehen. Zudem waren weniger Notfallbehandlungen erforderlich. Die 118 Betroffenen hatten unmittelbar nach ihrem Eintreffen in der Klinik randomisiert den Alkohol oder aber Wasser von einer Gaze inhaliert.
  • Schlafstörungen: Einer Metaanalyse von 34 randomisierten kontrollierten Studien zufolge ist die inhalative Aromatherapie – speziell mit Lavendelöl – bei chronischen Schlafstörungen hocheffektiv. Auch Stress, Depressionen und Angst scheinen zurückzugehen. Einzelaromen waren dabei wirksamer als Präparate mit mehreren Komponenten.

Stange R. Zeitschrift für Phytotherapie 2021; 42: 169–174; doi: 10.1055/a-1256-7129.

LOGIN