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Institut für Hausarztmedizin in Zürich wertet Krankenkassendaten aus

Immer weniger Hausbesuche von Hausärzten

Obwohl die Zahl an betagten und gebrechlichen Menschen in der Schweiz demografiebedingt weiter ansteigt und das Bedürfnis für Hausbesuche gross ist, suchen immer weniger Hausärzte ihre Patienten an deren Wohnort auf. In einer neuen Studie hat das Institut für Hausarztmedizin in Zürich unter der Leitung von Professor Dr. Stefan Neuner-Jehle umfangreiches statistisches Material des grössten Schweizer Krankenversicherers Helsana zusammen mit dessen Wissenschaftler-Team für die Jahre 2014–2018 ausgewertet.

Ein brauner Arztkoffer

Der Hausbesuch ist DIE Kernkompetenz des Hausarztes, schrieb die FMH noch vor knapp einem Jahrzehnt in einem Leitartikel. Hausbesuche, so der Tenor, seien ein wichtiges Qualitätsinstrument der Grundversorgung und ermöglichten eine effiziente und kostengünstige Versorgung der Bevölkerung. Unnötige Hospitalisationen und Einweisungen in Pflegeheime könnten dadurch oft verhindert respektive noch hinausgezögert werden.



Tempi passati? Hausbesuche von Hausärzten oder Hausärztinnen sind heutzutage jedenfalls je länger desto mehr keine Selbstverständlichkeit mehr. Der Trend zeigt nach unten, wie eine unlängst veröffentlichte Studie des Instituts für Hausarztmedizin in Zürich für den Zeitraum 2014–2018 belegt.

Daten des grössten Krankenversicherers

Prof. Neuner-Jehle, unter dessen Ägide die Studie entstand, konnte sich bei seinen Recherchen auf anonymisierte Daten des grössten Schweizer Krankenversicherers Helsana (rund 1,1 Mio. Versicherte) abstützen. «Hausbesuche werden tarifarisch erfasst und erscheinen in den Krankenkassen-Abrechnungen», erklärte er gegenüber Medical Tribune. Diese Datenquelle ist eine der wenigen Möglichkeiten, um sich einen quantitativen Überblick über ärztliche Hausbesuche zu verschaffen.

Die Auswertung des Datenmaterials ergab, dass die Zahl der ärztlichen Hausbesuche in der ganzen Schweiz von 2014–2018 bei Patientinnen und Patienten von über 65 Jahren um mehr als einen Achtel zurückging. Die jährliche Hausbesuchsquote (Patienten mit mindestens einem Hausbesuch pro Jahr) verringerte sich bei diesem Segment von 10,7 auf 9,3 %.

Dr. Stefan Neuner Jehle

Prof. Stefan Neuner-Jehle
Institut für
Hausarztmedizin, Zürich
Foto :  MT-Archiv

Bei älteren Patienten (ü80) zeigt der Trend bei der Hausbesuchsquote ebenfalls nach unten (von 26,1 auf 23,1 %). Selbst in Pflegeheimen stellte Prof. Neuner-Jehle mit seinem Team einen Rückgang von Hausbesuchen fest. Die Quote sank von 68,7 auf 65,8 %. Eine rund zwei Jahre ältere Expertise für den Kanton Waadt war ebenfalls schon zu einem klaren Ergebnis gelangt: Zwischen 2006 und 2015 wurden dort rund 40 % weniger Besuche von Hausärzten bei ihren Patienten am Wohnort registriert.

Auf eine steigende Nachfrage wird in der Wirtschaft nach Möglichkeit mit einem steigenden Angebot reagiert, um den Kundenwünschen gerecht zu werden. In der Hausarztmedizin funktioniert dieser Mechanismus nicht: Obwohl Hausbesuche einem grossen Bedürfnis entsprechen und die Nachfrage demografiebedingt in den nächsten Jahren sogar noch steigen dürfte, nimmt das Angebot ab.

Schlechte Entschädigung,
mehr Aufwand

Der Hauptgrund für die zunehmende Diskrepanz liegt allerdings auf der Hand. Prof. Neuner-Jehle spricht von einem «Mix» aus schlechter Entschädigung (im Vergleich zur Abgeltung von technischen Leistungen) sowie dem immer höheren Arbeitsaufwand von Hausärztinnen und Hausärzten. Es seien Anstrengungen nötig, um diesen Trend umzukehren, «sei es tarifarischer Natur oder mittels Kompetenz-Shifts zwischen den Berufsgruppen.»

Gibt es aber Anhaltspunkte dafür, dass die hausärztliche Behandlung am Wohnort medizinisch gesehen auch wirklich Sinn macht? «Die Evidenzlage ist gemischt. Einige Metaanalysen zeigen eine verminderte Mortalität, weniger Spitaleinweisungen und weniger Notfallbesuche, andere Analysen hingegen nicht», drückt sich Prof. Neuner-Jehle vorsichtig aus. «Bequemer» für Patientinnen und Patienten seien Hausarztbesuche aber zweifellos. Und auch vertrauensstiftend: «Patienten schätzen es, wenn sich die Ärztin oder der Arzt zu ihnen bemüht.»

Eine Attraktivitätssteigerung und Aufwertung von Hausarztbesuchen würde gesundheitspolitisch Sinn machen, gibt sich Prof. Neuner-Jehle jedenfalls überzeugt. «Hausbesuche sind ein Aspekt guter medizinischer Versorgung. Bei einer weiteren Abnahme droht ein Rückgang der Versorgungsqualität.»

In diesem Zusammenhang macht der Experte noch auf einen weiteren Aspekt aufmerksam, der in einer anderen Studie für den Kanton Waadt untersucht und 2021 im Swiss
Medical Weekly publiziert wurde: Auch die Notfall-Hausbesuche waren stark rückgängig, sowohl tags als auch nachts. In der Studie wurden ein Drittel der Hausbesuche als Notfälle deklariert, bloss 9 % dieser Notfallbesuche fanden nachts statt. «Das dürfte sich negativ auf die Versorgungsqualität auswirken, weil davon ausgegangen werden darf, dass ein Grossteil dieser Besuche nötig ist beziehungsweise gewesen wäre.»

Ausbau einer qualifizierten Pflege als Chance

Haben ärztliche Hausbesuche gerade in der Nacht aber nicht auch deshalb an Bedeutung verloren, weil inzwischen ein gutes alternatives Netz (z.B. Spitex) zur Verfügung steht? Im Ausbau einer qualifizierten Pflege liege sicher eine Chance, das Vakuum teilweise zu füllen, meint Prof. Neuner-Jehle. Allerdings gebe es auch eine Grenze. «Die Grenze ist die ärztliche Entscheidungs-Notwendigkeit beziehungsweise Verantwortung.» Durch eine gute Abgrenzung der Kompetenzen und dank Rücksprache sei dieser Punkt immerhin recht gut lösbar.

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