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Plötzliche Anosmie ohne nasale Obstruktion gilt als spezifisch für Corona

Riechfunktion enttarnt Infektion

Postvirale Riechstörungen sind gekennzeichnet durch einen plötzlichen Beginn. Der Riechverlust bei einer chronischen Rhinosinusitis verläuft dagegen schleichend. Auch sonst gibt es zwischen beiden Formen mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten.

Menschlicher Kopf mit Nebennasenhöhlen

In Zusammenhang mit Covid-19 entwickeln einem aktuellen Review zufolge 60 % der Patienten eine Riechstörung. In 20–70 % der Fälle handelt es sich um eine reine Anosmie, Schmecken können die meisten noch. In rund 10 % der Fälle ist die Riechstörung das Hauptsymptom der SARS-CoV-2-Infektion, berichtete PD Dr. Mandy Cuevas, Universitätsklinik für HNO-Heilkunde, Dresden.

Das olfaktorische Defizit macht sich plötzlich, zumeist mit einer erhöhten Riechschwelle bemerkbar. Die Patienten zeigen normalerweise keine nasale Obstruktion, die endonasale Schleimhaut und die Riechspalte sind reizlos bzw. frei. In 80–95 % der Fälle ist der Riechverlust temporär und es kommt innerhalb von 4–8 Wochen zur Erholung. Je älter die Patienten sind, desto grösser ist die Gefahr, dass die Funktion gestört bleibt.

Während der Erholungsphase bessert sich die Geruchsidentifikation früher als die Schwelle. Vor allem in dieser Zeit leiden die Patienten häufig auch unter Parosmien und Phantosmien. Dabei handelt es sich meist um unangenehme Gerüche wie Jauche oder faule Eier. Parosmien gälten übrigens als Prädiktor für die Erholung des Riechvermögens, damit könne man die Patienten beruhigen, sagte PD Dr. Cuevas.

Anfangs dachte man, das Virus würde die Riechzellen schädigen. Es hat sich aber herausgestellt, dass vor allem nichtneuronale Zellen in Riechepithel und Bulbus anfällig für SARS-CoV-2 sind. Man diskutiert, dass es durch die lokale Infektion von Stütz- und Gefässzellen zu einer Entzündung kommt, welche die Funktion der olfaktorischen Sensorneurone blockiert oder verändert. Denkbar ist auch, dass die Schädigung der Stützzellen indirekt die Signalleitung beeinträchtigt oder die Neurone gar zum Absterben bringt.

Das Symptom plötzlicher Riechverlust taugt fast zur Diagnose einer SARS-CoV-2-Infektion, meinte die Kollegin. Am Universitätsklinikum Dresden hat man 500 Patienten, die sich wegen Krankheitssymptomen im Corona-Testzentrum vorstellten, einen standardisierten Fragebogen zu Symptomen, Riechfunktion und Nasenatmung vorgelegt.

Der Corona-Test fiel bei 34 Patienten (6,8 %) positiv aus. Einen Riechverlust gaben 69 Patienten an, von denen 22 SARS-CoV-2-positiv waren. Nur zwölf der positiv Getesteten hatten keinen Riechverlust. Ein Riechverlust ohne nasale Obstruktion hatte eine Spezifität für das Erkennen einer SARS-CoV-2-Infektion von 97 % und eine Sensitivität von 65 %. Der positive prädiktive Wert betrug 63 %, der negative 97 %.

Chronische Rhinosinusitis betrifft vor allem Männer

Die chronische Rhinosinusitis geht in 60–80 % der Fälle mit einem Riechverlust einher, überwiegend einer Abnahme der Riechschwelle. Vor allem Männer sind betroffen. Typischerweise besteht zusätzlich eine nasale Obstruktion sowie eine Rhinorrhö. Endoskopisch findet man häufig Polypen. Parosmien oder Phantosmien treten nicht auf. Das Riechvermögen nimmt schleichend ab und wechselt im Verlauf in der Intensität. Eine lang dauernde schwere chronische Rhinosinusitis kann zur kompletten Anosmie führen.

Ein Ansatz zur Therapie der Riechstörung nach Covid-19 ist wie bei anderen postviralen Riechstörungen auch die intranasale Gabe von Vitamin A über neun Monate. Dieses scheint die Erholung des Riechepithels zu fördern. Als ebenfalls hilfreich gilt das Riechtraining. Dabei kommen drei starke Geruchsstoffe und einer mit trigeminaler Wahrnehmung – z.B. Rose, Zitrone, Eukalyptus und Nelke – zum Einsatz. An diesen Stoffen riecht man zweimal täglich für 30 Sekunden binasal. Das Riechvermögen lässt sich deutlich bessern, wenn man das «Nasentraining» konsequent über längere Zeit durchführt, mindestens aber neun Monate. Diese Empfehlung ist nicht nur subjektiv belegt, sondern auch objektiv durch die Messung evozierter Potenziale, betonte PD Dr. Cuevas.

Erstlinien-Behandlung der chronischen Rhinosinusitis sind topische Steroide. Sie bessern das Riechvermögen deutlich, vorausgesetzt, man bringt sie optimal in die Riechspalte. Durch Operationen lassen sich sinunasale und olfaktorische Symptome bei einem Viertel der Patienten bessern. Beim ASS-Intoleranzsyndrom kann eine ASS-Desaktivierung auch das Riechen bessern, sofern die chronische Entzündung positiv beeinflusst wird. Für die schwere nicht kontrollierte chronische Rhinosinusitis kommen auch Biologika in Frage. Sie bessern das Riechvermögen schon nach zwei Wochen, berichtete die Kollegin.

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