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Der Tod als Tabuthema

Zu selten wird mit Patienten über Massnahmen am Lebensende gesprochen

Am Ende nicht mehr die Krankheit behandeln, sondern den Menschen: Das sollte vor allem bei Krebs-Patienten im Endstadium selbstverständlich sein. Onkologen scheinen sich aber zu sehr auf ihr Spezialgebiet zu fokussieren.

Wurden bei einem Patienten mit fernmetastasierten Malignomen alle Therapiemöglichkeiten ausgeschöpft, ist das nun folgende Gespräch eine heikle Angelegenheit. Optimalerweise solle ein Gespräch über Massnahmen am Lebensende, so meinen verschiedene Fachgesellschaften, frühzeitig erfolgen: wenn dem Patienten geschätzt noch etwa ein Jahr bleibt. In der onkologischen Praxis sieht das aber anders aus: Die meisten dieser Gespräche finden erst in den letzten vier Lebenswochen statt. Kristin Knutzen vom Department of Behavioral, Social, and Health Education Sciences der Rollins School of Public Health an der Emory University in Atlanta und ihre Kollegen haben retrospektiv Gespräche von 141 Patienten mit ihren Krebsspezialisten ausgewertet.

Ein erfolgreiches Gespräch soll drei Kriterien erfüllen

Dabei fanden sie heraus, dass unter 423 Gesprächen nur etwa in jedem zwanzigsten das Thema Lebensende angesprochen wurde. Die Wissenschaftler charakterisierten anhand des Beobachteten drei wesentliche Punkte für ein erfolgreiches Gespräch:

  • Fragen nach weiteren Behandlungsoptionen werden ehrlich beantwortet und Sorgen der Patienten ernst genommen, z.B.: «Es gibt zwar noch diese und jene Möglichkeit, das Leben zu verlängern, aber vermutlich auf Kosten der Lebensqualität.»
  • Der Onkologe sieht den Patienten als Experten im Hinblick auf dessen Situation und fragt direkt, was dieser sich wünscht. Behandelt wird letztlich nicht eine Krankheit, sondern ein Kranker.
  • Vonseiten des Arztes werden zukünftige Rahmenbedingungen vorgegeben, innerhalb derer eine weitere Behandlung betrachtet wird, z.B.: «Wenn Sie sich nicht gut fühlen, immer weniger Energie haben und Schmerzen zum Hauptproblem werden, dann …» Auf diese Weise kann der Kranke sich darauf einstellen, dass die Zeit kommen wird, in der ein Ende der Therapie zu erwägen ist, und macht sich keine falschen Hoffnungen.

Umgekehrt fanden die Forscher bei mehr als jedem dritten von insgesamt 93 Arzt-Patienten-Gesprächen verpasste Gelegenheiten, über das zu erwartende Lebensende und die dabei optimale Versorgung zu diskutieren. Her fanden sich drei Hauptverhaltensweisen der Mediziner:

  • Wenn der Kranke seine Sorge über das Fortschreiten des Krebses äussert, wird die Frage nur partiell beantwortet oder das Thema gewechselt.
  • Der Arzt gibt sich überoptimistisch und erzählt anekdotisch von Patienten, die in diesem Tumorstadium noch Jahre gelebt haben.
  • Die Risiken eines Therapieabbruchs werden stark in den Vordergrund gerückt.

Seit Jahrzehnten laufen Bemühungen, Onkologen für Gespräche über die Behandlung zum Lebensende zu sensibilisieren. Umsonst war das alles vermutlich nicht, dennoch bleibt noch viel zu tun, lautet das Fazit der Wissenschaftler. Die Spezialisten sollten beispielsweise lernen, dass sie ihren Patienten mit dem Verzicht auf ein solches Gespräch nichts ersparen, und gleichzeitig versuchen, ihr eigenes Gefühl der Machtlosigkeit gegenüber der fortgeschrittenen Erkrankung zu akzeptieren.

Knutzen K et al. JAMA Netw Open 2021; 4: e2113193.

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