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Fehlannahmen näher beleuchtet

Experten stellen sechs beliebte Irrtümer zur Zöliakie vor

«Wir mussten in den vergangenen Jahren lernen, dass die Zöliakie nicht die Krankheit ist, die wir zu kennen glaubten», schreiben US-amerikanische Gastroenterologen in einer aktuellen Übersicht. Sie räumen mit einigen Mythen auf, die sich um die Erkrankung ranken.

1.«Zöliakie betrifft vor allem Europäer»

Der Wissenszuwachs in puncto Zöliakie ist gross, allerdings halten sich offenbar einige Irrtümer hartnäckig. Dazu zählt die Auffassung, die Erkrankung komme vor allem bei Europäern und Menschen europäischer Abstammung vor. Fast das ganze 20. Jahrhundert war dies die offizielle Lehrmeinung. Erst die Identifizierung der Gewebetransglutaminase (tTG) als Target-Antigen machte es möglich, die Verbreitung der Zöliakie mit nichtinvasiven Screening-Untersuchungen im grossen Stil zu erforschen.

Heutzutage weiss man: Die Zöliakie kommt rund um den Globus vor. Die gepoolte Seroprävalenz weltweit beträgt 1,4 %, die Prävalenz der Biopsie-gesicherten Erkrankung liegt bei 0,7 %. Eine Studie zeigte, dass sich die höchste Zöliakie-Prävalenz in den USA bei Menschen findet, die (bzw. deren Vorfahren) aus der indischen Region Punjab stammen (3,08 % gegenüber einer Gesamtprävalenz von 1,8 % in der US-amerikanischen Bevölkerung).

2.«Zöliakie-Patienten leiden nicht unter Übergewicht»

Laut den verfügbaren Studien sind in der westlichen Welt bis zu 30 % der Patienten zum Zeitpunkt der Diagnose übergewichtig und bis zu 13 % adipös, schreiben Dr. Jocelyn Silvester vom Celiac Center des Beth Israel Deaconess Medical Center in Boston und Kollegen. Eine US-amerikanische Studie findet bei Diagnosestellung im Kindesalter eine Adipositas-Prävalenz von 5 %. In anderen Regionen, beispielsweise in Indien, sind die meisten Betroffenen dagegen eher untergewichtig.

3.«Alle Betroffenen sprechen auf glutenfreie Kost an»

Die glutenfreie Ernährung ist derzeit Voraussetzung für ein erfolgreiches Zöliakie-Management. Mehr als 15 % aller erwachsenen Patienten leiden allerdings auch dann noch unter Beschwerden, wenn sie eine glutenfreie Kost einhalten. Wie die Autoren unterstreichen, ist es wichtig, diese Patienten einer ausführlichen Differenzialdiagnostik zu unterziehen, um den Beschwerden auf den Grund zu gehen. Die Aufnahme von verstecktem Gluten etwa in Fertigprodukten kann eine Rolle spielen. Nach Ausschluss anderer Ursachen wie bakterielle Fehlbesiedelung und Reizdarmsyndrom bleiben nur relativ wenige (bis zu 1,5 %) Patienten übrig, bei denen wirklich eine refraktäre Zöliakie vorliegt.

Bei der Differenzierung von Respondern und Non-Respondern ist weiter zu bedenken, dass klinisches Ansprechen und histologische Remission nicht zwingend Hand in Hand gehen. Nach zwei Jahren konsequenter glutenfreier Ernährung findet sich nur bei einem Drittel der erwachsenen Patienten eine normale Villiarchitektur im Duodenum, nach fünf Jahren hat sich die Darmschleimhaut bei zwei Dritteln der Patienten erholt.

4.«Ansprechen auf glutenfreie Kost ist ein Beweis für das Vorliegen einer Zöliakie»

Viele Menschen beginnen bereits vor der offiziellen Diagnose «Zöliakie» mit dem Verzicht auf glutenhaltige Lebensmittel. Das Ansprechen auf eine glutenfreie Ernährung reicht jedoch nicht aus, um eine Zöliakie zu diagnostizieren, so die Autoren. Auch andere Krankheitsbilder wie das Reizdarmsyndrom oder die Nicht-Zöliakie-Nicht-Weizenallergie-Weizensensitivität können sich bei Glutenverzicht bessern. Eine ausführliche (Differenzial-)Diagnostik ist daher unerlässlich.

5.«Ein vollständiger Glutenverzicht ist nicht notwendig»

Die Auffassung, eine «fast glutenfreie» Ernährung tue es auch, ist eine weitere Fehlannahme. Obwohl das Ausmass der Glutensensitivität von Patient zu Patient variiert, ist davon auszugehen, dass schon kleine Mengen Gluten Schäden am Intestinum provozieren. Die Autoren nennen auf Basis verfügbarer Studien als kritische Dosis 50 mg täglich über einen Zeitraum von mehr als einem Monat.

6.«Glutenverzicht ist die ideale Therapieoption»

Eine glutenfreie Ernährung lässt sich sehr schwierig umsetzen. In einer Untersuchung wurde gezeigt, dass die erforderliche Ernährungsumstellung die Patienten stärker belastet als die Therapiemassnahmen bei entzündlichen Darmerkrankungen, Typ-1-Diabetes oder Herzinsuffizienz. Nur Patienten mit terminaler Niereninsuffizienz litten noch stärker unter ihrer Behandlung (Dialyse).

Es ist also ebenfalls ein Irrtum, zu glauben, der Verzicht auf Gluten sei die perfekte Massnahme, um die Zöliakie zu managen. Damit sind längst nicht alle Probleme gelöst. Vielmehr – so die Autoren der Übersicht – müsse es das Ziel sein, Zöliakie-Patienten mittels geeigneter Medikamente eine glutenhaltige Ernährung zu ermöglichen. Als aussichtsreiche Wirkstoffe nennen sie Glutenasen wie Latiglutenase sowie Tight-Junction-Regulatoren wie Larazotid. Auch Nanopartikel, die eine Gliadintoleranz induzieren, sind aus ihrer Sicht denkbar.

Silvester J et al. Am J Gastroenterol 2021; 116: 1148–1155.

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