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Sommer, Sonne, Nebenwirkung

Zahlreiche Arzneimittel sensibilisieren die Haut gegen Licht

Kommt ein Patient krebsrot in die Praxis, muss das nicht bedeuten, dass er viel zu lang in der Sonne lag. Womöglich waren Medikamente als Brandbeschleuniger im Spiel. Eine Photodermatose erhöht das Risiko für Hautkrebs zusätzlich. Umso wichtiger sind prophylaktische Massnahmen.

Elderly man suffering from photosensitive eczema

Phototoxische oder -allergische Reaktion? Auf den ersten Blick ist das schwer zu sagen.

Von mehr als 300 Arzneimitteln ist bekannt, dass sie die Lichtempfindlichkeit der Haut erhöhen. Tatsächlich könnte etwa jede zwölfte unerwünschte kutane Arzneimittelreaktion auf eine solche Sensibilisierung zurückgehen.

Zu den Risikosubstanzen gehören vor allem zahlreiche Psychopharmaka, schreiben Dr. Johannes Heck vom Institut für Klinische Pharmakologie an der Medizinischen Hochschule Hannover und seine Kollegen. Ist die Situation weniger eindeutig, sollten Sie allerdings auch kurz über die Haut hinausdenken und systemische Erkrankungen erwägen, etwa Lupus erythematodes oder eine Porphyrie.

Mögliche Formen der Lichtdermatose
Phototoxische Reaktionen
  • meist zügig auftretend (Minuten bis Stunden nach der Exposition)
  • manifestiert sich als ausgedehnter Sonnenbrand an lichtexponierten Stellen, umso stärker, je höher die Dosis der Substanz und je länger die Sonnenexposition
Photoallergische Reaktionen (Unter UV-Strahlung wird das Medikament zum Antigen und ruft eine Typ-IV-Reaktion hervor)
  • seltener als phototoxische Reaktionen, genetische Prädisposition nötig, Kreuzreaktionen mit chemisch ähnlichen Substanzen möglich
  • frühestens nach 24 Stunden auftretend
  • klinisches Bild ähnelt eher einem Ekzem
  • Befunde können sich auf nichtexponierte Regionen ausdehnen

Psychopharmaka als häufigste Auslöser

Falls ein Medikament in Kombination mit dem Licht tatsächlich für die Hautreaktion verantwortlich ist, müssen drei Gegebenheiten erfüllt sein:

  • Die Reaktion tritt nur unter Lichteinwirkung auf (UV- und/oder sichtbares Licht).
  • Die verdächtigen Medikamente bzw. ein Abbauprodukt waren zum Zeitpunkt der Lichteinwirkung in der Haut präsent (Informationen zu Abbau und Halbwertszeiten stehen i.d.R. in der Fachinfo).
  • Der Wirkstoff (bzw. Metabolit) kann Strahlung absorbieren.

Generell sollte man je nach Reaktion zwischen einem phototoxischen und photoallergischen Typ unterscheiden, obwohl das für die Behandlung eher nebensächlich ist, so die Experten. Beispielsweise treten phototoxische Reaktionen u.U. bereits nach der ersten Einnahme auf, wohingegen sich eine Lichtallergie erst nach vorheriger Sensibilisierung manifestiert, dann aber bereits ab einer sehr geringen erneuten Exposition auftreten kann (s. Tabelle). Mitunter lassen sich über eine Blickdiagnostik beide Formen nicht exakt unterscheiden, zumal manche Substanzen auch beide Arten von Reaktionen hervorrufen können. Via Spezialdiagnostik (systemische Photoprovokation, Photopatch-Test) können Allergologen eine Differenzierung vornehmen, ggf. ist auch eine histologische Abklärung möglich. Solche Spezialverfahren sollten aber nur durch erfahrene Kollegen erfolgen.

Als Auslöser kommen verschiedene Pharmaka infrage:

  • Antipsychotika, vor allem ältere Neuroleptika (Phenothiazin-Antipsychotika), aber auch Clozapin und Risperidon
  • Antidepressiva, insbesondere trizyklische wie Amitriptylin und Imipramin
  • die Benzodiazepine Alprazolam und Chlordiazepoxid – Lorazepam dagegen scheint relativ sicher zu sein
  • Phasenprophylaktika («Stimmungsstabilisatoren») wie Carbamazepin und Lamotrigin; Reaktionen unter Valproinsäure scheinen eher selten
  • Johanniskraut; für eine toxische Menge braucht es aber meist höhere Dosen, daher sind bei der üblichen Therapie Reaktionen selten
  • Antimykotika und Antibiotika (Tetracycline, Fluorchinolone, Cephalosporine); Doxycyclin ist wohl der stärkste Sensibilisator
  • einige NSAR
  • verschiedene in der Kardiologie eingesetzte Medikamente; unter anderem aus der Gruppe der Antiarrhythmika, ACE-Hemmer und Kalziumkanalblocker
  • Onkologika; häufig Imatinib und Vemurafenib
  • Medikamente aus anderen Substanzgruppen wie beispielsweise Sulfasalazin

Präventiv sollten Sie bereits bei der Verordnung solcher Medikamente den Patienten über Sonnenschutzmassnahmen aufklären. Raten Sie zu geeigneter Kleidung, die möglichst Arme und Beine bedeckt, vor allem bei langem Aufenthalt bzw. Arbeiten im Freien, empfehlen die Experten. Ausserdem hilft ein Hut mit breiter Krempe, die das Gesicht schützt. Sonnenschutzmittel – und zwar in ausreichender Menge – sind ein absolutes Muss. Das gilt umso mehr für Risikopatienten mit hellem Teint und blonden bis rötlichen Haaren: Denn Lichtdermatosen stellen Risikofaktoren für Basaliome, Plattenepithelkarzinome und Melanome dar. Vor allem im Sommer sollten Sie bei Patienten, die phototoxische Substanzen einnehmen, auch aktiv nach einer Sonnenbrandneigung fragen.

Topische Glukokortikoide lindern die Beschwerden

Einzige therapeutische Option bei einer medikamentösen Photosensibilisierung ist das Absetzen des Übeltäters – dies gilt sowohl für phototoxische als auch für photoallergische Reaktionen. Linderung können zudem topische Glukokortikoide verschaffen, selten sind Tabletten, Spritzen oder Infusionen notwendig. Bei Juckreiz können Histamin-1-Rezeptor-Antagonisten helfen, bei Schmerzen NSAR – natürlich bei gleichzeitiger Sonnenabstinenz. ES/SG

Heck J et al. Psychopharmakotherapie 2021; 28: 94–101.

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