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Destille im Darm

Eigenbrauer-Syndrom ist nicht so lustig, wie es klingt

Saccharomyces cerevisiae-Hefe

Ein Patient wirkt betrunken, beteuert aber, keinen Alkohol zu sich genommen zu haben. Dahinter könnte das Eigenbrauer-Syndrom stecken. Dabei passiert, was der Name vermuten lässt: Der Körper produziert Alkohol.

Beim Eigenbrauer-Syndrom bauen Organismen der körpereigenen Mikrobiota, vor allem im Darm, Nahrungskohlenhydrate zu Alkohol ab. Im Prinzip handelt es sich um nichts anderes als den Prozess, den man als «alkoholische Gärung» kennt, erklären Ahmed Bayoumyvon der Division of Human Nutrition am Wageningen University and Research Centre und seine Kollegen.

Haben Sie noch nie gehört? Dann sind Sie in guter Gesellschaft: Die meisten Mediziner kennen das Krankheitsbild nicht. Die Forscher aus den Niederlanden haben in der bis September 2020 veröffentlichten Literatur nach dem Syndrom gesucht. Dabei fanden sie gerade einmal 17 Kasuistiken mit insgesamt 20 Patienten. Es ist also sicher nicht diese Erkrankung, die Ihnen als allererste Differenzialdiagnose einfällt, wenn ein Patient

  • bei der Anamnese angibt, sich manchmal «unsicher auf den Beinen» oder «wirr im Kopf» zu fühlen,
  • bei der körperlichen Untersuchung eine vergrösserte Leber, Ikterus und Spider naevi aufweist und
  • beim orientierenden neurologischen Check verwaschen spricht, wie es typischerweise bei Betrunkenen bekannt ist.

Vermutlich gibt es eine hohe Dunkelziffer

Der Patient wird Ihnen trotz dieser Symptome versichern, dass er keinen Alkohol trinkt. Das muss nicht unbedingt etwas heissen, Kranke sind bei dieser Angabe oft zögerlich, und ein chronischer Alkoholmissbrauch ist sicherlich wesentlich häufiger als ein Eigenbrauer-Syndrom. Anderseits ist es vorstellbar, dass bei Letzterem eine hohe Dunkelziffer existiert, weil einfach niemand den Betroffenen glauben will. Haben Sie also trotz der mehr oder weniger einschlägigen Untersuchungsbefunde Grund zu der Annahme, dass Ihr Patient die Wahrheit sagt, was seinen C2H5OH-Konsum betrifft, sollten Sie das Syndrom vielleicht doch zumindest erwägen.

Die Laborwerte entsprechen denen eines unspezifischen chronischen Leberschadens. Was in der Diagnostik weiterhelfen kann, ist ein Kohlenhydrat-Belastungstest: Dabei erhält der Patient 100–200 g Glukose und zu den Zeitpunkten 0 (unmittelbar vor dem Trinken), 4, 8, 16 und 24 Stunden danach werden Blut- und Atemalkoholgehalt gemessen.

Wichtig ist die strikte Überwachung des Kranken in diesem Zeitraum, um sicherzustellen, dass Alkohol aus externen Quellen nicht für eventuell erhöhte Werte verantwortlich sein kann. Ausserdem empfehlen die Experten eine Ösophagogastroduodenoskopie plus Koloskopie, um nach Pilzen und Bakterien zu suchen. Die Diagnose «Eigenbrauer-Syndrom» gilt als sicher, wenn alle anderen infrage kommenden Ursachen ausgeschlossen wurden, der Glukosebelastungstest positiv ausfällt und man einen möglichen verantwortlichen Mikroorganismus gefunden hat. Infrage kommen an allererster Stelle Pilze wie Candida oder Saccharomyces, aber auch Bakterien wie Escherichia und Streptococcus.

Zur Therapie verschreibt man im Allgemeinen ein Antimykotikum oder Antibiotikum, auf das der (vermutlich) Schuldige anspricht, und eine möglichst kohlenhydratarme Ernährung. Immerhin einen Fall haben die Wissenschaftler gefunden, bei dem nach erfolglosen medikamentösen Behandlungsversuchen eine fäkale Mikrobiota-Transplantation den Kranken heilen konnte.

Interessant sei, so die Kollegen, auch Patienten mit nichtalkoholischer Fettleber bzw. Steatohepatitis genauer unter die Lupe zu nehmen: Möglicherweise könnte bei dem einen oder anderen Betroffen ein Eigenbrauer-Syndrom hinter den Beschwerden stecken.

Bayoumy AB et al. United European Gastroenterol J 2021; 9: 332–342; doi: 10.1002/ueg2.12062.

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