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Was Anorexie im Körper anrichtet und wie man Betroffenen helfen kann

Freiwillig ausgehungert

Viele magersüchtige Patientinnen suchen die Praxis erst in einem weit fortgeschrittenen Stadium auf. Eine umgehende stationäre Einweisung kann mitunter ihr Leben retten. Zunächst gilt es aber, überhaupt Verdacht zu schöpfen.

Ein typischer Fall: Ein 16-jähriges Mädchen wird von den Eltern gebracht. Sie hat sich in den vergangenen fünf Monaten fast nur noch von Gemüse und einem Fitzelchen Geflügelfleisch ernährt. Bei einer Grösse von 1,70 m wiegt sie nur noch 49 kg. Trotzdem behauptet die junge Dame, völlig gesund zu sein. Bei der körperlichen Untersuchung fällt ein Puls von 46 Schlägen pro Minute auf. Der Blutdruck erreicht im Sitzen nur 100/78 mmHg, nach drei Minuten Stehen sackt er auf 78/60 mmHg ab. Die Haut wirkt trocken, der Zahnschmelz zeigt starke Erosionen und das Haar hat sich trotz des jugendlichen Alters bereits gelichtet, berichten Dr. James E. Mitchell von der Psychiatrie der University of North Dakota School of Medicine in Fargo und seine Kollegin­.

Die Anorexia nervosa ist eine schwere psychiatrische Erkrankung mit hoher Mortalität – sei es durch medizinische Komplikationen oder Suizid. Häufig bestehen zudem psychische Komorbiditäten wie Depression und Angststörung. Man unterscheidet zwei Formen der Magersucht – den restriktiven Typ (Essensverweigerung) und den Binge-Purging-Typ. Bei letzterem wird eine Gewichtszunahme (trotz Essanfällen) durch selbst herbeigeführtes Erbrechen bzw. Laxanzien- und Diuretikaabusus verhindert. Der restriktive Typ beginnt meist früher und hat die bessere Prognose. Allerdings wechseln die Betroffenen öfter zum Binge-Purging-Typ als umgekehrt.

Hypertrophe Speicheldrüsen durchs Erbrechen

Die Anorexie beginnt meist im jugendlichen oder jungen Erwachsenenalter. Mehr als 90 % der Betroffenen sind weiblich und der BMI liegt meist ≤ 17,5 kg/m2, einen festen Grenzwert gibt es nicht. Komplikationen entstehen durch Gewichtsverlust, Mangelernährung und durch Folgen der Purging-Prozeduren. So kann das selbst herbeigeführte Erbrechen eine Hypertrophie der Speicheldrüsen auslösen. Zu den kardiovaskulären Folgen der Magersucht zählen eine potenziell lebensgefährliche Bradykardie (vor allem im Schlaf) sowie eine meist orthostatische Hypotension, ausserdem Rhythmusstörungen und ein verlängertes QT-Intervall. Schliesslich kann es zu Nierenschäden (vor allem beim Binge-Purging-Subtyp) und einer Knochenmarksatrophie (Reduktion von Ery- und Leukozyten) kommen. Ein Drittel der Patientinnen entwickelt eine Osteoporose. Zerebrale Veränderungen bilden sich trotz Gewichtszunahme mitunter nicht zurück.

Die Abklärung stützt sich auf eine detaillierte Anamnese (Dauer der Erkrankung, Menstruationsstatus, selbst induziertes Erbrechen, exzessives körperliches Training etc.). Spezielle Interviewtechniken helfen in vielen Fällen weiter. Bei der klinischen Untersuchung sollten neben BMI und Körpergrösse auch typische Zeichen (trockene Haut, Haarverlust, schlechter Zahnstatus) erfasst werden. Zum Basislabor gehören Differenzialblutbild, Thrombozyten (evtl. erniedrigt) und Elektrolyte (Natrium, Kalium, Chlorid und Bikarbonat). Weil die Patienten häufig falsche Angaben machen (z.B. aus Angst vor einer Zwangsbehandlung), sollte man, wenn möglich, auch die Angehörigen befragen.

Umgehend stationär eingewiesen werden müssen Patientinnen mit ausgeprägter Hypotension oder Dehydratation, schweren Elektrolytstörungen, Arrhythmien bzw. starker Bradykardie. Gleiches gilt bei akuter Suizidgefahr. Auch Personen mit einem sehr niedrigen BMI (≤ 15 kg/m2) sollten vorzugsweise im Spital behandelt werden. Bei lebensbedrohlichen Symptomen oder Befunden ist eventuell eine Therapie gegen den Willen der Betroffenen möglich.

Erfolgreich behandeln kann man die Anorexie mit verschiedenen Formen der Psychotherapie. Sie sollte bei Kindern und Jugendlichen möglichst auch die Eltern miteinbeziehen. Antidepressiva und Neuroleptika konnten bisher in Studien nicht überzeugen.

Gewichtszunahme stärkt auch die Knochen

Die oft erniedrigte Knochendichte lässt sich am ehesten durch eine adäquate Gewichtszunahme erhöhen (bis zum Wiederauftreten der Menstruation). Ausserdem sollten Betroffene auf eine ausreichende Kalziumzufuhr (1200–1500 mg/Tag) achten und bei niedrigen Vitamin-D-Spiegeln entsprechende Supplemente einnehmen.

Die eingangs vorgestellte Patientin leidet – wie die Erosionen im Zahnschmelz nahelegen – höchstwahrscheinlich an einer Anorexie vom Binge-Purging-Typ. Aufgrund der besorgniserregenden Bradykardie und Hypotonie empfehlen die Autoren eine zumindest kurzfristige stationäre Behandlung. Sobald die Patientin bereit ist, über ihre Probleme zu sprechen, sollte die familienzentrierte Psychotherapie beginnen. Langfristig wird ein Gewichtsziel von mindestens 90 % der alters- und grössenspezifischen Norm angestrebt. Eine Kontrolle auf mögliche Rückfälle ist für mindestens ein Jahr ratsam.

Fakten zur Anorexia nervosa

  • Es gibt eine genetische Disposition für die Krankheit. Darüber hinaus kennt man Risikofaktoren, z.B. ein Trauma in der Anamnese, die perinatale Exposition gegenüber Röteln oder Persönlichkeitsmerkmale wie Perfektionismus
  • Betroffene haben ein sehr grosses Suizidrisiko, die geschätzte Inzidenz liegt 18-mal höher als bei Kontrollen
  • In Longitudinalstudien über 20 Jahre erreichten 30–60 % der Betroffenen eine vollständige Remission, 20 % waren chronisch krank, der Rest behielt verschiedene Symptome.
  • Mindestens jede vierte Kranke erleidet nach einer Therapie einen Rückfall.
  • Die Mortalität liegt bei etwa 5,6 % pro Dekade.

BMI bestimmt Schweregrad

  •  Leichte Anorexie: BMI ≥ 17 kg/m
  • Mittelschwere Anorexie: BMI 16–16,99 kg/m2
  • Schwere Anorexie: BMI 15–15,99 kg/m2
  • Extrem schwere Anorexie: BMI < 15 kg/m2

Mitchell JE, Peterson CB.
N Engl J Med 2020; 382: 1343–1351.

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