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Funktionelle kognitive Störung: Nur 10 % entwickeln eine degenerative Hirnerkrankung

Vergesslichkeit führt eher selten in die Demenz

Bei vielen Patienten, die aufgrund geistiger Defizite eine Spezialklinik aufsuchen, liegt eine funktionelle kognitive und keine neurodegenerative Störung vor. Meist erfolgt eine Ausschlussdiagnose. Ein klares Bild der Erkrankung besteht jedoch nicht.

Funktionelle kognitive Störungen, bei denen keine organische Hirnerkrankung besteht und die sich im Laufe der Zeit vermutlich auch nicht verschlechtern, stellen vor allem eine Ausschlussdiagnose dar, erklären Dr. Laura McWhirter vom Centre for Clinical Brain Sciences der University of Edinburgh und ihre Kollegen. Sie zeichnen sich meist durch folgende Punkte aus:

  • Es besteht mindestens ein Symptom einer gestörten Kognition, etwa von Aufmerksamkeit, Konzentrationsfähigkeit, Gedächtnis oder Planung.
  • Klinische Befunde erweisen sich als inkonsistent, etwa in verschiedenen Situationen.
  • Die Untersuchungsergebnisse lassen sich nicht durch eine andere Krankheit, beispielsweise aus der Neurologie oder der Inneren Medizin, oder deren Behandlung (Nebenwirkung) erklären, obwohl Begleiterkrankungen vorliegen können.
  • Dennoch verursachen die Beschwerden den Patienten erheblichen Stress oder beeinträchtigen Aktivitäten in sozialen, beruflichen oder in anderen wichtigen Lebensbereichen.

Wie häufig funktionelle kognitive Störungen aber wirklich vorkommen und welche Befunde die Dia­gnose nahelegen, ist noch weitgehend unklar. Das Team hat sich daher in den einschlägigen Literaturdatenbanken auf Spurensuche begeben.

Nicht selten kommt es zu Fehldiagnosen

Dabei fanden die Wissenschaftler insgesamt 249 Publikationen, in denen das Krankheitsbild alleine oder in gemischten Patientengruppen untersucht wurde. Beim genaueren Hinschauen ermittelten die Forscher, dass bei etwa jedem Vierten, der eine Memory Clinic aufsucht, eine solche funktionelle Störung vorliegt und keinesfalls eine degenerative Hirnerkrankung. In diesen Sprechstunden klären multidisziplinäre Teams u.a. aus Ärzten, Psychologen und Sozialpädagogen die Beschwerden weiter ab.

Die Kranken wiesen oft begleitende affektive Symptome wie Depressionen und Angststörungen auf sowie ein negatives Selbstwertgefühl, geringere Lebensqualität und pessimistische Erwartungen bezüglich ihrer Erkrankung. Der Verlauf war in diesen Fällen aber – anders als bei Frühzeichen von Demenzen – in 90 % nicht progredient. Es kommt also keinesfalls zu der zwangsläufigen Abfolge «funktionelle kognitive Störung» → «leichte kognitive Störung» (mild cognitive impairment) → Demenz.

Dennoch sind diese Patienten in Gefahr – nämlich durch eine Fehldiagnose. Wenn die behandelnden Ärzte ihre Beschwerden als Prodromi einer strukturellen neurodegenerativen Erkrankung betrachten und diese Diagnose den Betroffenen mitteilen, führt das zu ganz erheblichen negativen Auswirkungen auf die Kranken selbst und ihre Familien.

Daher sollten sich Forscher unbedingt stärker in diesem Bereich engagieren, fordern die schottischen Experten. In prospektiven Studien müsste geklärt werden, wie sich funktionelle kognitive Störungen über die Jahre entwickeln und wie man sie möglichst genau von degenerativen Hirnerkrankungen differenziert. Denn die Bildgebung wie die MRT oder Spezialverfahren wie die Positronenemissionstomografie schafft das derzeit nicht. Es existieren auch keine eindeutigen Biomarker im Blut oder Liquor, und genetische Faktoren können ebenfalls das Bild nicht eindeutig identifizieren. Und schliesslich stehen keine aussagekräftigen neuropsychologischen Tests zur Verfügung.

Patienten beantworten Fragen selbstständig

Doch laut Studien existieren Merkmale, die eher bei Patienten mit funktionellen Störungen auftreten:

  • Sie kommen alleine und von sich aus in die Klinik. Läge hingegen eine degenerative Störung vor, wären sie in Begleitung und auf Überweisung da.
  • Die Patienten beantworten Fragen selbstständig und können auch nacheinander auf mehrere Komponenten der Fragen eingehen. Diese Antworten können zwar falsch sein, zeigen aber, dass die Frage verstanden wurde und nicht wie bei einer neurodegenerativen Erkrankung an die Begleitperson weitergegeben wird bzw. nur Teilfragen beantwortet werden.
  • Betroffene schildern sehr ausführlich eine ganze Reihe von Beschwerden, die sie oftmals schriftlich über lange Zeit dokumentiert haben. Ausserdem machen sie genaue Angaben über Anamnese, Begleiterkrankungen und Einnahme von Medikamenten. Ebenso benennen sie den Beginn der Symptome zeitlich sehr exakt (versus meist keine Details zu Beschwerden).
  • Die Gedächtnisstörung besteht sowohl für aktuelle als auch für weit zurückliegende Ereignisse und die Patienten geben ­Gedächtnislücken für spezifische Perioden oder Vorfälle an. Bei einer degenerativen Störung ist stattdessen oft das Langzeitgedächtnis erhalten, selten bestehen Erinnerungslücken.
  • Die angegebene Vergesslichkeit scheint einem Zuhörer relativ normal und konträr zu Demenz und Co.
  • Der Verlauf ist variabel (versus unausweichliche Progredienz).

Das alles sind jedoch letztlich nur Hinweise auf eine funktionelle Ursache und keine Beweise, sagen Dr. McWhirter und ihre Kollegen.

McWhirter L et al.
Lancet Psychiatry 2020; 7: 191–207.

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