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Ambulante psychiatrische Sprechstunden

Telemedizin steht hoch im Kurs

Die Coronavirus-Krise stellt für die psychiatrischen Dienste im Land eine grosse Herausforderung dar. Denn die Politik schreibt vor, dass Face-to-face-Kundenkontakte auch in diesem medizinischen Bereich auf das Notwendigste beschränkt werden müssen. Doch was bedeutet diese Vorgabe konkret für die Gestaltung des betrieblichen Alltags, für Mitarbeitende und vor allem auch für die Patienten? Medical Tribune sprach darüber mit den beiden Hauptverantwortlichen des Zentrums für Angst- und Depressionsbehandlung Zürich (ZADZ). Sie haben vorausblickend schon frühzeitig Massnahmen in die Wege geleitet.

«Ungefähr 80 % unserer Sprechstunden basieren heute auf Telemedizin»: Diese Zahl von Karin Yerebakan, Geschäftsführerin und Vorsitzende der Geschäftsleitung des Zentrums für Angst- und Depressionsbehandlung Zürich (ZADZ), sagt schon sehr viel darüber aus, wie das neue Corona-Virus auch die ambulante Psychiatrie-Branche tüchtig durcheinandergewirbelt hat. In der Vergangenheit spielte die Telemedizin im Unternehmen nämlich praktisch keine Rolle. «Die allermeisten Therapiesitzungen fanden vor Ort im Zentrum statt.»

Direkte Patientenkontakte von Angesicht zu Angesicht sollen nach den Richtlinien des Bundesrates in dieser aussergewöhnlichen Zeit auf ein Minimum beschränkt werden. «Daher mussten in kürzester Zeit Betriebsabläufe neu justiert, die technischen Möglichkeiten für Alternativlösungen evaluiert und umgesetzt werden. Dazu kam auch eine grosse Aufklärungs- und Informationsarbeit gegenüber unseren Mitarbeitenden und Patienten», erklärt Karin Yerebakan.

Vorsprung bei der Umsetzung

Immerhin wurde das Unternehmen nicht auf dem linken Fuss erwischt, als der Bundesrat intervenierte. «Wir haben unsere Therapeuten schon frühzeitig über mögliche Szenarien im Zusammenhang mit Corona und allfällige Schritte des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) vorbereitet und hatten so in der Umsetzung immer einen Vorsprung», betont die ZADZ-Geschäftsführerin. Schon Ende Februar 2020 sei das Personal über mögliche Veränderungen auf dem Laufenden gehalten worden. Dazu zählten in einem ersten Schritt verstärkte Hygiene- und Verhaltensempfehlungen. Auch die Patienten seien bereits vor längerer Zeit in der Sprechstunde darauf vorbereitet worden, dass Präsenzkonsultationen für eine bestimmte Zeit in Zukunft durch Telefon- und Videositzungen ersetzt werden könnten.

Rund 3000 Patienten sind im ZADZ gegenwärtig in Behandlung. Die Corona-Krise habe aktuell noch nicht zu einem weiteren Ansturm von neuen Patientenzuweisungen geführt. Wohl aber seien bei Patienten vermehrt Ängste und Sorgen zu beobachten.

In der Vor-Coronazeit fanden in diesem psychiatrischen Ambulatorium rund 150 Präsenz-Konsultationen täglich statt. Durch die bundesrätliche Anordnung wurde wie erwähnt eine grosse Zahl durch telemedizinsche Sitzungen ersetzt. «Bei instabilen Patienten, suizidalen, solchen mit grossen Angstzuständen und Persönlichkeitsstörungen, bei solchen, die sehr einsam und isoliert sind oder aber auch in schwierigen Verhältnissen zu Hause leben, ist ein persönlicher Kontakt immer noch möglich und wird auch praktiziert», sagt Dr. Josef Hättenschwiler, Chefarzt und Inhaber der ZADZ AG. Ohne persönliche Termine am Zentrum würden sich solche Patienten orientierungs- und strukturloser fühlen.

«Daher müssen auch Notfälle sowie dringliche Erstgespräche, wenn möglich, im Zentrum stattfinden, damit eine umfassende Abklärung und Diagnosestellung gemacht werden kann. Nur so können wir den WZW-Kriterien (wirksam, zweckmässig und wirtschaftlich) entsprechen, denn es gilt die gleiche Behandlungsqualität wie sonst einzuhalten», warnt Dr. Hättenschwiler. Dabei denkt er z.B. an psychotische oder bipolare Patienten, an schwer depressive oder agitierte Patienten. Gewisse Therapietechniken seien ferner via Telemedizin nicht durchführbar, so etwa in der Traumatherapie oder in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. «Gerade bei Kindern und Jugendlichen muss in der Regel die Testdiagnostik vor Ort erfolgen.» Das gleiche gilt für Notfallkonsultationen, die im Rahmen der Einbindung des ZADZ in die psychiatrische Notfallversorgung des Kantons Zürich erfolgen.

Um bei Therapien im Zentrum niemanden gesundheitlich zu gefährden und die bundesrätliche Verordnung einzuhalten, wurden strikte Vorgaben gemacht. Abgesehen von Notfällen und anderen dringlichen psychischen Problemen sollen Patienten gar nicht erst im Zentrum erscheinen, wenn sie körperlich krank sind oder sich so fühlen, ebenso wenig, wenn sie zu einer Risikogruppe zählen, appellieren die ZADZ-Verantwortlichen an Betroffene.Als sichere und notwendige Alternative wird in solchen Situationen eine Video-Sitzung angeboten.

Warten auf weitere Atemschutzmasken

Zudem wird im Zentrum konsequent die Einhaltung von Distanz- und Hygieneregeln gefordert. Und alle Betroffenen würden mit mehrsprachigen Flyern über Verhaltensregeln informiert. Um die Abstände zwischen den wartenden Patienten möglichst gross zu halten, sei schon vor geraumer Zeit ein zweites Wartezimmer eingerichtet worden. «Wenn ein Patient die Schutzmassnahmen nicht einhält, kann der Therapeut darauf bestehen, die Sitzung zu verschieben», macht Karin Yerebakan klar. Die Therapeuten seien frühzeitig instruiert worden, wie mit Patienten umzugehen sei, die allfällige Symptome einer Infektion aufweisen. Beide Seiten, das Personal wie die Patienten, würden mit Atemschutzmasken ausgestattet. Zum Leidwesen von Chefarzt Dr. Hättenschwiler harzt es aber nach wie vor mit dem Nachschub von Atemschutzmasken durch die Kantonsapotheke.

Der Personalbestand hat sich wegen der Covid-19-Pandemie nicht geändert, wohl aber die Arbeitsweise der meisten Mitarbeitenden. Damit Telemedizin funktioniert, wurden die Arbeitsplätze technisch umgerüstet, respektive ausgerüstet. Webcams und die Möglichkeit, diverse telemedizinische Angebote zu nutzen, sind vorhanden. Obwohl die Mitarbeitenden auf Home-Office umstellen können und die hausinterne IT anschauliche Anleitungsvideos gedreht habe, machen nur wenige davon Gebrauch. Die beiden Gesprächspartner erstaunt das nicht, denn die Arbeit im Zentrum weist mehrere Vorteile auf: Die technische Infrastruktur ist vorhanden, der Support durch die IT stets und schnell gewährleistet, ebenso der sichere Zugang zu allen Arbeitsunterlagen. Auch verfügen alle Therapeuten über ein eigenes Behandlungszimmer.

Und nicht vergessen sollte man den Vorteil des sozialen und fachlich-kollegialen Austauschs – natürlich bei Wahrung der Abstände. Mittagstische finden in mehreren Gruppen statt. Bei einem kleinen Teil der Mitarbeitenden ist das Arbeitspensum allerdings massiv geschrumpft, teilweise bis Null. Gruppentherapien wurden laut Dr. Hättenschwiler bis auf Weiteres ganz aus dem Programm gestrichen. Die Atemtherapeutin darf nicht mehr tätig sein, während die Sozialarbeiter und die Ernährungsberaterin von zu Hause aus arbeiten.

Videositzung hat Vorteile gegenüber dem Telefon

Die Mitarbeitenden gehen grundsätzlich gut und besonnen mit der neuen ungewöhnlichen Situation um. Videositzungen mit den Patienten sind zwar anstrengender als persönliche Gespräche, aber vorteilhafter als eine Therapiesitzung am Telefon, finden die meisten Mitarbeiter. Der Grund: Bei Videositzungen sehe man das Gesicht des Patienten, Mimik und Gestik und erhalte auch wertvolle Einblicke in ihr Zuhause.

Die Patienten wiederum wissen die diversen Wahlmöglichkeiten zu schätzen und gehen mit der Umstellung offen und positiv um. Einige sind sogar sehr froh, in der heutigen Zeit das Haus nicht verlassen zu müssen. Bei der Wahl des technischen Mittels orientiert man sich an den Wünschen der aufgeklärten Patienten. «Wir haben uns auf unterschiedliche telemedizinische Kanäle eingerichtet. Dabei haben wir mit Videositzungen besonders gute Erfahrungen gemacht.»

Die FMH hat die verschiedenen Systeme bewertet und entsprechende Empfehlungen ausgesprochen. Neu stellt der Ärztedienst HIN sein Talk Video für die Zeit der Corona-Krise gratis zur Verfügung. Aus Sicht des ZADZ wäre es erfreulich, wenn dieses System bald auch mit Tablets oder Smartphones kompatibel wäre.
Nach wie vor Unsicherheiten bestehen betreffend der Abrechnung telemedizinischer Leistungen. «Wir halten uns an die Empfehlungen des Psychiatrie-Fachverbandes FMPP», betonen Karin Yerebakan und Dr. Hättenschwiler.

Zentrum für Angst- und Depressionsbehandlung Zürich

2018 feierte das Zentrum für Angst- und Depressionsbehandlung Zürich (ZADZ) sein zehnjähriges Bestehen. Das von Josef Hättenschwiler 2008 gegründete Unternehmen mutierte in der Zwischenzeit zum grössten, nicht subventionierten Ambulatorium im Kanton Zürich und leistet damit einen wichtigen Beitrag zur ambulanten, psychiatrischen Grundversorgung. Patientinnen und Patienten aller Altersklassen werden im ZADZ psychiatrisch abgeklärt, diagnostiziert und behandelt. Das rund 40-köpfige Fachteam ist multiprofessionell zusammengesetzt und arbeitet interdisziplinär eng zusammen.
Die ZADZ AG wurde 2017 vom schweizerischen Institut für ärztliche Weiter- und Fortbildung SIWF als Weiterbildungsstätte «ambulant A, drei Jahre» anerkannt.

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