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Pädiatrie

Fieberkrampf: ab drei Minuten ist antikonvulsive Therapie indiziert

Fieberkrämpfe bei Säuglingen und Kleinkindern sind häufig und können die Eltern zutiefst verunsichern. Auch wenn die Anfälle in der Regel folgenlos vorübergehen, sollten alle Beteiligten wissen, was in der Situation zu tun ist.

Bei etwa 2–4 % aller Kinder bis zum fünften Lebensjahr treten Fieberkrämpfe auf. Ausgelöst werden die epileptischen Anfälle häufig während des ersten raschen Fieberanstiegs, wobei definitionsgemäss eine Körpertemperatur von mindestens 38 °C erreicht sein muss. Als Risikofaktor bedeutsam ist die maximal erreichte Temperatur (> 39 °C), schreibt Professor Dr. Andreas Merkenschlager­ von der Klinik und Poliklinik für Kinder und Jugendliche des Universitätsklinikums Leipzig. Neben bestimmten Erregern und einigen Impfungen scheint auch die genetische Suszeptibilität ein wesentlicher Risikofaktor zu sein.

Bei etwa acht von zehn Fällen handelt es sich um einen einfachen Fieberkrampf, der häufig innerhalb von fünf Minuten spontan endet. Ein solcher Anfall verläuft generalisiert, dauert nicht länger als 15 Minuten und tritt innerhalb von 24 Stunden nur einmal auf.

Keine routinemässige zerebrale Bildgebung

Komplizierte Fieberkrämpfe sind deutlich seltener und haben einen prolongierten oder fokalen Verlauf über 15 Minuten oder länger. Innerhalb von 24 Stunden kann es zu weiteren Anfällen kommen, die sich auch durch konsequente Fiebersenkung nicht vermeiden lassen. Hält ein Krampf mindestens 30 Minuten an, spricht man von einem febrilen Status epilepticus.

Bei einfachen Fieberkrämpfen ist in der Regel weder ein EEG noch eine Labordiagnostik indiziert. Allerdings kann ein Basislabor mit grossem Blutbild, Blutzucker und Elektrolyten hilfreich sein. Eine zerebrale Bildgebung sollte nicht routinemäs­sig erfolgen, sondern bestimmten Situationen vorbehalten bleiben, beispielsweise afebrilen Krampfanfällen nach prolongierten Verläufen. Insbesondere bei Rezidiven und positiver Familienanamnese kann eine genetische Diagnostik sinnvoll sein.

Eine akute antikonvulsive Behandlung ist bereits bei einer Krampfdauer von drei bis fünf Minuten indiziert, um das Risiko eines Status epilepticus zu minimieren. Dabei sollte bukkales Midazolam (0,2–0,5 mg/kgKG oder als Fertigspritze in altersgerechter Dosierung) rektalem Diazepam (0,5 mg/kgKG bzw. absolut 5 mg bei < 15 kgKG und 10 mg bei ≥ 15 kgKG) vorgezogen werden.

Zwar sind die Effekte auf die Ventilation ähnlich, jedoch gelingt die Anfallsdurchbrechung mit Midazolam schneller und erfordert zudem seltener ein weiteres Antikonvulsivum. Krampft das Kind länger als fünf Minuten, wird die intravenöse Gabe von Lorazepam oder Diazepam empfohlen. Beide Medikamente eignen sich auch beim febrilen Status epilepticus. Kann ein Anfall nach 15 Minuten nicht durch Diazepam i.v. unterbrochen werden, ist eine Weiterbehandlung unter intensivmedizinischer Überwachung indiziert.

Die Eltern sind durch einen Fieberkrampf häufig massiv verängs­tigt, gibt der Autor zu bedenken. Daher sollte man mit ihnen grundsätzlich über eine stationäre Aufnahme sprechen. Sinnvoll ist diese bei sehr jungen Kindern zum sicheren klinischen Ausschluss einer ZNS-Infektion sowie bei komplizierten Fieberkrämpfen aufgrund des hohen Rezidivrisikos.

Keine Antikonvulsiva zur Prävention

Etwa ein Drittel der Kinder erleidet mindestens einen weiteren Fieberkrampf, häufig im Folgejahr. Risikofaktoren für ein Rezidiv sind:

  • niedriges Alter (< 12 Monate) beim ersten Anfall
  • positive Familienanamnese
  • relativ niedrige Temperatur zum Zeitpunkt des Fieberkrampfs
  • kurze Fieberphase vor dem ersten Krampfanfall

Weder eine präventive antikonvulsive Therapie bei einfachen Fieberkrämpfen noch eine antipyretische Behandlung ist Prof. Merkenschlager­ zufolge sinnvoll oder kann das Risiko­ von spontan oder nach Impfungen auftretenden Rezidiven senken. Eine intermittierende anti­epileptische Therapie mit Benzo­diazepinen wird aufgrund der potenziellen Toxizität nur in Einzelfällen empfohlen.

Bei rezidivierenden Fieberkrämpfen sollte man immer auch an die Möglichkeit von fieberassoziierten Epilepsie-Syndromen wie das Dravet-Syndrom oder das Generalisierte-Epilepsie-Fieberkrampf-Plus-Syndrom denken.

ZNS-Infektion ausschliessen

Eine Lumbalpunktion sollte dringend erwogen werden bei:
  • Säuglingen ohne empfohlene Schutzimpfungen
  • Säuglingen mit antibiotischer Vorbehandlung
  • meningitischen Zeichen (z.B. Nackensteife)
  • prolongierter Bewusstseins­störung
  • langsamer Erholung nach einem Fieberkrampf
  • febrilem Status epilepticus

Merkenschlager A. Kinder- und Jugendarzt 2019; 50: 794–801.

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