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Anne Benckendorff, Foto: wikimedia/Offices of Kenneth Yamanaka DDS

Gelenkschmerzen, Zahnprobleme und Diabetes – das spricht für Akromegalie

Die Akromegalie wird fast immer von einem Wachstumshormon-sezernierenden Hypophysenvorderlappen-Adenom verursacht. Der erhöhte Hormonspiegel stimuliert die hepatische Sekretion des Insulin-like Growth Factors 1 (IGF-1) und fördert darüber peripher das Wachstum von zahlreichen Geweben wie Bindegewebe, Haut, Knochen und Organen.

Klinisch kann sich die Akromegalie deshalb in ganz unterschiedlichen Bereichen manifestieren: Muskuloskeletal sind Gelenkbeschwerden, eine Verbreiterung der Akren sowie eine Vergröberung der Gesichtszüge typisch; neurologisch kommen z.B. Kopfschmerzen oder ein Karpaltunnelsyndrom vor.

Zudem beobachtet man im pneumologischen Bereich z.B. ein Schlafapnoe-Syndrom. Das Wachstumshormon beeinflusst auch die Wasserretention in der Niere und kann so Bluthochdruck hervorrufen. Durch Insulinantagonismus kann das Wachstumshormon außerdem einen Diabetes verursachen oder verschlechtern. Schließlich können auch im zahnärztlichen Bereich Probleme auftreten.

Mit zunehmender Größe kann das Adenom des Hypophysenvorderlappens zudem auch lokale Probleme wie Gesichtsfeldausfälle oder Augennervenlähmungen verursachen. Weil es auch andere hormonproduzierende Areale komprimieren kann, können weitere Hypophysenachsen ausfallen – am häufigsten mit der Folge einer gonadotropen Insuffizienz, gefolgt von einer Hyperprolaktinämie.

Gesichtsfeldausfälle, weil das Adenom größer wird

In einer aktuellen Übersichtsarbeit fordern Dr. Lenka Rados und Kollegen aus dem Inselspital Bern, auch an eine Akromegalie zu denken, wenn mehrere der genannten unspezifischen Symptome zusammenkommen. Da die Veränderungen, auch des Aussehens, sehr langsam vonstattengehen, fallen sie dem Patienten und seiner Umgebung selbst oft gar nicht auf. Derzeit dauert es durchschnittlich zwölf Jahre, bis die Diagnose schließlich gestellt wird. Häufig stellen sich die Patienten auch zunächst nur beim Hausarzt vor. Daher kommt diesem eine Schlüsselposition zu. Eine möglichst frühe Therapie kann die Prognose der Patienten deutlich verbessern.

Der erste Schritt zur Diagnose ist die laborchemische Bestimmung der hypophysären Hormonachsen. Bei normalem IGF-1 liegt sehr wahrscheinlich keine Akromegalie vor. Ein erhöhter IGF-1-Wert dagegen stellt einen Hinweis auf eine Akromegalie dar. Im Fall einer unklaren Klinik sollte zwei Stunden nach der Einnahme einer Glukoselösung das Wachstumshormon nochmals bestimmt werden. Bei Gesunden hemmt Glukose die Produktion des Wachstumshormons. Ist es trotzdem weiterhin nachweisbar, ist dies ein Hinweis für eine autonome Ausschüttung und damit für eine Akromegalie.

Als nächster diagnostischer Schritt erfolgt sodann eine MRT der Hypophyse, um ein mögliches Adenom nachzuweisen. In sehr seltenen Fällen kann auch eine ektope Akromegalie vorliegen, sodass in diesen Fällen kein hypophysäres Adenom nachweisbar sein muss.

Liegt ein Wachstumshormon-sezernierender hypophysärer Tumor vor, wird er als erste Therapiemaßnahme so weit wie möglich operativ entfernt. Bei nicht infiltrierenden Mikroadenomen liegt die Remissionsrate bei mehr als 85 %, bei Makroadenomen (> 1 cm) bei 40 bis 60 %. Wenn trotz Operation die IGF-1-Konzentration dauerhaft erhöht ist, wird eine medikamentöse Therapie nötig.

Als Ultima Ratio bleibt die Radiotherapie

Bei leicht erhöhten Werten setzen die Behandler niedrig dosierte Dopamin-Agonisten ein; bei ungenügendem Ansprechen erfolgt ein Wechsel auf Somatostatinanaloga. Bei deutlich erhöhten Werten werden direkt Somatostatinanaloga angewandt. Ist die Krankheitsaktivität trotzdem unkontrolliert, stellt man auf eine Therapie mit Wachstumshormon-Rezeptorantagonisten um. Es sind auch Kombinationstherapien möglich. Falls sich die Erkrankung mit allen genannten Maßnahmen nicht kontrollieren lässt, kommen eine erneute Operation oder eine Radiotherapie infrage. Bei Letzterer setzt der Effekt oft erst nach Jahren ein, sodass die medikamentöse Therapie bis dahin weitergeführt werden muss.

Erhöhte Mortalität durch Folgen der Kardiomyopathie

Ein vollständiger Rückgang der Symptome ist allerdings nicht zu erwarten, sodass die Lebensqualität der Patienten eingeschränkt bleibt und eine dauerhafte Nachsorge nötig ist.

Typische Komplikationen der Akromegalie sind gehäufte Kolonpolypen und -karzinome, Kadiomyopathie, arterielle Hypertonie, linksventrikuläre Hypertrophie und Schlafapnoe-Syndrom. Diese sollten deshalb langfristig im Auge behalten und behandelt werden. Vor allem Herzrhythmusstörungen und Herzinsuffizienz, ausgelöst durch die Kardiomyopathie, sind ursächlich für die erhöhte Mortalität von Akromegalie-Patienten. Diese sollten zusammen mit den üblichen kar­diovaskulären Risikofaktoren deshalb ebenfalls aufmerksam verfolgt werden.

Quelle: Rados L et al. Swiss Medical Forum 2016; 16: 605-612 

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