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Dr. Barbara Kreutzkamp, Foto: fotolia

Patienten wollen den Arzt nicht mit jedem „Wehwehchen“ belästigen

Beschwerden wie rektale Blutungen, monatelange Heiserkeit, Husten oder unerklärlicher Gewichtsverlust sollten eigentlich beunruhigen. Doch zumindest in Großbritannien gibt es offensichtlich viele Patienten, die trotzdem nicht zum Arzt gehen – aus Angst, seine Zeit unnötig zu verschwenden. Möglicherweise hängt mit dieser Einstellung die überproportional hohe 1-Jahres-Mortalität von UK-Krebspatienten im Vergleich zum internationalen Durchschnitt zusammen.

1-Jahres-Mortalität bei Krebs in Großbritannien sehr hoch

In einem qualitativen Interview mit 62 Personen untersuchten PublicHealthForscher deshalb die psychologischen Mechanismen, die einen zögerlichen oder aber raschen Arztkontakt bedingen. Alle Patienten hatten angegeben, seit mindestens drei Monaten unter mindestens einem von 14 "Krebsalarm-Symptomen" zu leiden. Patienten, die deshalb immer noch nicht beim Arzt waren, hatten häufig das Gefühl, die Zeit der überbeanspruchten Mediziner nur unnötig zu verschwenden. Den Zeitdruck der Ärzte leiteten die Patienten u.a. aus langen Wartezeiten in der Praxis und Schwierigkeiten, einen Termin zu erhalten, ab.

Als weiteren häufigen Grund gaben die Patienten schlechte oder gar demütigend empfundene ArztPatientenKontakte in der Vergangenheit an: Ärzte hätten sie herablassend, genervt oder abweisend behandelt, als sie wegen eines leichteren Symptoms um Hilfe baten. Oder die Patienten meinten, sie störten den Praxisablauf, wenn sie weitere, nicht zum vereinbarten Konsultationstermin passende Beschwerden vorbrächten. Dabei spielte auch der enge Zeitplan des Arztes und die vermeintlich für jeden Patienten reservierte Minutenzahl ein Rolle.

Temporäre Symptome werden heruntergespielt

Zudem dachten viele, der Arzt habe sehr viel kränkere Menschen als sie selbst zu behandeln. Selbstbeschwichtigung in verschiedener Form war ein weiterer Grund, die Symptome nicht abklären zu lassen: Sie seien harmlos, nicht durchgehend vorhanden oder Apotheker bzw. medizinisches Personal würde sich schon darum kümmern. Dabei stieg die Zurückhaltung der Patienten an, je schwieriger ein Termin beim Arzt zu bekommen und je voller die Wartezimmer waren.

Ganz anders sahen die Argumente der Patienten aus, die sich um eine rasche Abklärung ihre Beschwerden bemüht hatten. Sie erklärten, ein Arzt sei doch dazu da, zu helfen und sich um die Patienten zu kümmern. Viele gaben eine gute Arzt-Patienten-Beziehung an, empfanden den Arzt wie einen Freund. Auch der Aspekt, dass man Steuern oder Kassenbeiträge bezahle und deshalb einen Anspruch auf Behandlung habe, ließ die Patienten schneller vorstellig werden.

Kognitive und affektive Konstrukte halten offensichtlich viele Patienten davon ab, Symptome rasch abklären zu lassen, schlussfolgern die Autoren. Um diese Patienten dennoch zu erreichen, sollte medizinisches Personal verstärkt als erster Ansprechpartner für vermeintliche Bagatellsymptome eingebunden werden – mit der Auflage, zu einem Arztkontakt zu bewegen. Und der Arzt selbst sollte die Patienten ermuntern, seine Hilfe in Anspruch zu nehmen und z.B. direkt Folgetermine vereinbaren.

Quelle: Cromme SK et al. Br J Gen Pract 2016; Online first

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