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Behandlung der Alkoholabhängigkeit in der Hausarztpraxis

BASEL – Häufig sind Hausärzte die erste Anlaufstelle von alkoholkranken Patienten. Für Allgemeinpraktiker kann es eine grosse Herausforderung sein, Alkoholabhängige zu erkennen, sie zu einem Entzug zu motivieren und anschliessend eine gute Nachsorge durchzuführen.

Eine Alkoholabhängigkeit hat gesundheitliche Folgen für die Betroffenen, führt zu sozialen Problemen und verursacht hohe volkswirtschaftliche Kosten. Die beiden Psychiater Professor Dr. Gerhard Wiesbeck, Schweizerische Gesellschaft für Suchtmedizin, und Dr. Alexandre Chanachev, praktizierend in Bulle, gingen im Rahmen der Jahresversammlung der Schweizerischen Gesellschaft für Allgemeine Innere Medizin (SGIM) in Basel an einem Symposium von Lundbeck näher auf die Rolle des Hausarztes bei der Behandlung Alkoholabhängiger ein.
Allgemeinmediziner haben mit Abstand die besten Möglichkeiten, Einfluss auf alkoholkranke Patienten zu nehmen. Wie Untersuchungen zeigen, nehmen ungefähr 75 % der Betroffenen das Behandlungsangebot durch niedergelassene Ärzte in Anspruch, während nur etwa 1,5 % Kontakt mit Fachkliniken haben. «Wenn so ein Patient z. B. wegen eines anderen Problems in die Praxis kommt, dann tut sich das Fenster der Möglichkeiten für einen Moment auf», sagte Prof. Wiesbeck. Diese Gelegenheit kann genutzt werden, um Alkoholkranke auf ihre Sucht anzusprechen und die nächsten Schritte einzuleiten.


Unspezifische Symptome sind häufig

Doch wie erkennt der Hausarzt einen alkoholabhängigen Patienten? In den wenigsten Fällen präsentieren sich die Betroffenen mit den typischen und ausgeprägten klinischen Zeichen des Alkoholabusus, wie sie in den Lehrbüchern beschrieben werden. Häufig sind unspezifische Symptome wie Magen-Darm-Störungen, Konzentrationsmangel, Schlafstörungen, Leistungseinbussen oder Libido- und Potenzstörungen. «Bei jedem Patienten mit diesen Symptomen muss differenzialdiagnostisch ein Alkoholproblem in Erwägung gezogen werden», sagte Prof. Wiesbeck.
In solchen Fällen bietet sich der CAGE-Test an (s. Kasten). Vier einfache Fragen erlauben es dem Arzt, die Wahrscheinlichkeit eines Alkoholmissbrauchs abzuschätzen. Eine weitere Möglichkeit zur Einschätzung ist beispielsweise der AUDIT-C-Fragebogen, der nach neuesten Studien als Screening-Instrument ebenfalls sehr gut geeignet ist. Die Weltgesundheitsorganisation hat genaue Kriterien definiert, die zur Diagnosestellung einer Alkoholabhängigkeit erfüllt sein müssen (s. Kasten).
Stellt der Arzt bei einem Patienten eine Alkoholerkrankung fest, sollte er sein Behandlungskonzept in folgende vier Phasen einteilen: Motivationsphase, Entgiftung, Entwöhnung und Nachsorge.

Entgiftungsphase fällt Ärzten am leichtesten

«Uns Ärzten fällt es in der Regel am leichtesten, mit der Entgiftung zurechtzukommen, weil diese Phase am meisten somatisch geprägt ist», führte Prof. Wiesbeck aus. Je nach Fall wird diese Massnahme ambulant oder stationär durchgeführt. Bei milden Formen der Abhängigkeit, fehlendender Entzugssymptomatik und abstinenzfähigen Patienten sind während des körperlichen Entzuges keine Medikamente erforderlich. Allerdings sollten die Betroffenen durch den Arzt informiert werden, dass Ängstlichkeit, Nervosität und Schlafstörungen möglich sind.
Ist der körperliche Entzug geschafft, stehen Medikamente zur Rückfallprophylaxe zur Verfügung. Der älteste von den bekannten Wirkstoffen ist Disulfiram. Wenn der Patient unter Einnahme dieses Medikamentes zusätzlich Alkohol konsumiert, kommt es zu Nausea.
Die modernen Anti-Craving-Substanzen verfolgen ein anderes Prinzip. Diese psychotrop wirkenden Medikamente wie Acamprosat, Naltrexon und Nalmefen sind in der Regel gut verträglich. Teilweise können sie auch eingesetzt werden, wenn lediglich eine Trinkmengenreduktion angestrebt wird, weil der Patient noch nicht bereit ist für eine vollständige Abstinenz.
Bei allen Wirkstoffen darf jedoch nicht vergessen werden, dass sich durch ihren Einsatz eine kontinuierliche psychosoziale Unterstützung nicht erübrigt.

Dr. Tobias Hottiger




WHO-Kriterien der Alkoholabhängigkeit

  • ein starker Wunsch oder eine Art Zwang zu konsumieren
  • verminderte Kontrollfähigkeit bezüglich Beginn, Beendigung und Menge des Konsums
  • körperliches Entzugssyndrom bzw. Konsum mit dem Ziel, Entzugssymptome zu mildern
  • Nachweis einer Toleranz
  • fortschreitende Vernachlässigung anderer Vergnügen und Interessen zugunsten des Konsums
  • anhaltender Konsum trotz schädlicher Folgen körperlicher, sozialer oder psychischer Art

Mindestens drei Kriterien müssen für die Diagnose erfüllt sein.


CAGE-Test

  • Cut down on drinking: Haben Sie bisweilen das Gefühl, Sie sollten Ihren Alkoholkonsum verringern?
  • Annoyed: Hat Sie jemand durch Kritisieren Ihres Trinkens verärgert?
  • Guilty: Fühlen Sie sich manchmal wegen Ihres Trinkens schlecht oder schuldig?
  • Eye opener: Haben Sie schon einmal morgens Alkohol getrunken, um sich zu beruhigen oder einen «Kater» loszuwerden?

Bei zwei oder mehr positiven Antworten ist das Vorliegen eines Alkoholmissbrauchs wahrscheinlich.

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