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Dr. Carola Gessner, Foto: thinkstock

HbA1c 5,9 % bedeutet Diabetes-Alarm!

Neben Nüchternzucker und Zweistundenbelastungswert gehört das HbA1c inzwischen niet- und nagelfest zum diagnostischen Armamentarium, unterstreichen die ADA-Experten.1 Und auch beim Screening nach Personen mit erhöhtem Dia­betes-Risiko hat der Marker, der einen mehrwöchigen Stoffwechselzeitraum widerspiegelt, seinen Platz.

Was den Prädiabetes betrifft, so werden Nüchtern-BZ-Spiegel über 100 mg/dl und Zweistundenwerte im oralen Glukose-Toleranztest (oGTT) über 140 mg/dl sowie ein HbA1c zwischen 5,7 und 6,4 % als auffällig angesehen (s. Kasten).

Um den am besten geeigneten Grenzbereich für das HbA1c zu finden, sichteten Leitlinien-Experten eine große Zahl von Studien. Wie sich herausstellte, taugt HbA1c sogar besonders gut als Prädiktor: Es sagt die Entwicklung eines manifesten Diabetes und folgender Herz-Kreislauf-Ereignisse besser voraus als der Parameter „Nüchternglukose“, heißt es im ADA-Positionspapier.2

Mittlerweile setzen Kollegen das HbA1c breiter zur Diagnostik des manifesten Diabetes ein und so werden sie es künftig wohl auch in höherem Maße nutzen, um Risikopersonen zu identifizieren, denen die Stoffwechselerkrankung ins Haus steht: Tatsächlich tragen Personen mit HbA1c unterhalb der Schwelle für die Diabetes-Diagnose (≥ 6,5 %, s. Kasten), aber oberhalb der Norm ein mehr als zehnfach erhöhtes Erkrankungsrisiko.

HbA1c 5,7–6,4 % signalisiert erhöhtes Zuckerrisiko

Unterschiedliche Risikozonen beim Prädiabetes

Auch im prädiabetischen Bereich entwickelt sich der „Alarmgrad“ kontinuierlich – abhängig von der Höhe des HbA1c-Wertes. Nach Daten einer Metaanalyse mit über 40 000 Personen tragen Patienten mit HbA1c-Wert zwischen 5,5 und 6,0 % ein Fünfjahresrisiko für einen manifesten Diabetes von 9–25 %.

Bei einem HbA1c zwischen 6,0 und 6,5 % liegt die 5-Jahres-Rate bereits zwischen 25 und 50 % – das Risiko dieser Patienten ist gegenüber Personen mit einem HbA1c von 5,0 % sage und schreibe 20-fach erhöht.

Mit dem Korridor von 5,7–6,0 % zur Identifikation von Risikopersonen haben sich die Experten „in der fließenden Entwicklung zwischen gesund und krank“ auf einen Bereich geeinigt, der möglichst wenige falsch negative und falsch positive Befunde beschert.

Bei diesen „Zucker-Bedrohten“ gilt es, umgehend präventive Interventionen zu starten, mahnen die Experten. Betroffene Patienten sollen auf Risikofaktoren untersucht, über die erhöhte Gefahr für Diabetes und Herz-Kreislauf-Krankheiten informiert und hinsichtlich effektiver Gegenmaßnahmen (Gewichtsreduktion, körperliche Aktivität) beraten werden.

Besonders intensiv müsse sich der betreuende Arzt um Patienten mit HbA1c über 6,0 % bemühen, die als Höchstrisikokandidaten gelten.

Auch in der Diagnostik des manifesten Diabetes hat sich in den vergangenen Jahren einiges getan. Mit dem abgesenkten Grenzwert von 126 mg/dl erfasst man heute deutlich mehr Diabetiker als mit dem alten 140-mg/dl-Wert, wie Retinopathie-Studien bestätigen.

Während Experten den HbA1c-Test früher wegen Zweifeln an der Verlässlichkeit der Resultate in der Primärdiagnostik nicht empfahlen, ist heute auf besser standardisierte Assays Verlass. Auch hierbei gilt: Der Cutpoint von 6,5 % für die definitive Diabetes-Diagnose stützt sich u.a. auf Untersuchungen zur Retinopathie-Prävalenz – ebenso wie der 200-mg-oGTT-Wert.

Bei Diskrepanzen Test wiederholen!

Für Arzt und Patient biete die Diagnostik mittels HbA1c verschiedene Vorteile gegenüber dem Parameter Nüchternzucker, so die Experten. So ist sie angenehmer für den Patienten, da das morgendliche Fasten entfällt. Es gibt geringere Tag-zu-Tag-Schwankungen und weniger Beeinflussbarkeit – etwa durch Stress oder akute Erkrankungen.

Und was tun bei diskordanten Befunden? Da Nüchtern-BZ, Belastungstest und HbA1c jeweils verschiedene physiologische Prozesse abfragen, darf man mit 100%iger Übereinstimmung nicht rechnen. So kann ein Patient durchaus einen normalen Nüchternwert, aber auffälligen HbA1c aufweisen. „Wiederholen“ lautet hier das Zauberwort, der auffällige Befund muss erst einmal bestätigt werden.

Beträgt ein HbA1c erst 7,0 % und beim Wiederholungstest 6,8 %, ist die Sache klar, es besteht ein manifester Diabetes. Liegen zwei Parameter vor, etwa ein HbA1c > 6,5 %, aber ein Nüchternwert < 126 mg/dl, so soll der pathologische Wert kontrolliert und – bei Bestätigung – die Diagnose auf diesen gestützt werden; der erneute HbA1c-Befund > 6,5 % bedeutet die definitive Diabetes-Diagnose. Wenn bei demselben Test der erste Wert auffällig, aber der zweite normal ist, wird man am ehesten abwarten, den Patienten im Auge behalten und die Untersuchung nach drei bis sechs Monaten wiederholen.

Bei Übergewicht ab 45 zum Diabetes-Check

Zur Frage, auf welche Personengruppen das Screening zielt, nimmt die ADA ebenfalls klar Stellung: Auf jeden Fall sind das Erwachsene jeden Alters mit Übergewicht (BMI ≥ 25 kg/m2) und einem oder mehr zusätzlichen Diabetes-Risikofaktoren. Für diejenigen ohne Risikofaktoren beginnt die Suche nach der Stoffwechsel-Bedrohung ab 45 Jahre. Bei normalen Testresultaten halten die Experten erneute Diagnostik nach drei Jahren für ausreichend.

Personen mit erhöhtem Risiko bzw. „Prädiabetes“ sollten Sie zum Abnehmen ermutigen – das Ziel heißt Reduktion des Körpergewichts um 7 %. An körperlicher Aktivität sollten ≥ 150 Minuten pro Woche angepeilt werden, beispielsweise in Form von Walking.

Die präventive Gabe von Metformin kann erwogen werden, insbesondere bei Prädiabetikern mit einem BMI über 35 kg/m2, über 60-Jährigen oder Frauen mit vorausgegangenem Gestationsdiabetes. Kontrollen der Blutzuckerwerte bzw. des HbA1c-Werts sollten mindestens jährlich erfolgen.

HbA1c-Diagnostik verfälscht bei AnämieFehlermöglichkeiten bei der HbA1c-Diagnostik betreffen u.a. Anämie-Patienten. Bei Sichelzell-Anämie sollen bestimmte Assays verwendet werden, deren Ergebnisse von pathologischem Hämoglobin nicht verfälscht werden.Bei Hämolyse oder Eisenmangel-Anämie muss die Diabetes-Diagnose ohne HbA1c-Messung auskommen und sich auf rein glukome­trische Kriterien beschränken. Bei Urämie oder höher dosierter ASS-Therapie (Modifikation des Hämoglobins), Dauertherapie mit Vitamin C oder E (Hemmung der Glykierung) oder Schwangerschaft kommt es ebenfalls zu einer Verfälschung des HbA1c-Wertes.

Wolfgang Kerner et al., Diabetologie 2012; 7: S84-S87

 

Referenzen:

  1. Diabetes Care 2014; 37, Suppl.1: S4-S80
  2. a.a.O.: S81-S90
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