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Dr. Carola Gessner, Foto: thinkstock

Tabletten-Überdosis: Wann wird‘s gefährlich?

Kennen Sie die Frühwarnzeichen einer Vergiftung mit Kalziumantagonisten? Wissen Sie, welche Fallen bei der zunehmend häufigen Quetiapin-Intoxikation lauern? Professor em. Dr. Thomas Zilker vom Klinikum rechts der Isar der TU München informiert über Vergiftungen mit Psychopharmaka und Kardiologika.

Suizidale Vergiftungen meist mit Schlafmitteln

Für suizidale Vergiftungen werden am häufigsten Schlafmittel, Psychopharmaka und Schmerzmittel verwendet. Mit der Zeit haben sich aber die dafür eingesetzten Substanzen gewandelt. Denn Antidepressiva vom MAO-Hemmer-Typ werden heute praktisch nicht mehr verordnet und zunehmend ersetzen Kollegen die risikoträchtigen trizyklischen Antidepressiva durch SSRI* und SNRI**. Dafür mehren sich derzeit die Intoxikationen mit dem Neuroleptikum Quetiapin.

Darüber hinaus gibt es auch unter den häufig verschriebenen Herz-Kreislauf-Medikamenten solche, die bei versehentlicher oder absichtlicher Überdosierung Notfall-Situationen heraufbeschwören. Kenntnis der Warnzeichen und sofortiges Handeln ist hier lebensrettend:

  • Diphenhydramin findet sich in frei verkäuflichen Schlafmitteln. Die Überdosiserung führt zu Schläfrigkeit und einem anticholinerges Syndrom. In schweren Fällen kommt es zu Krampfanfällen und Koma. Als Antidot wirkt Physostigminsalicylat (langsam injizieren!).

Trizyklika wirken erst mit Verzögerung

  • Tri- und tetrazyklische Antidepressiva: Wenn die zehnfache Tagesmaximaldosis überschritten wird, bedeutet das „schwere Vergiftung“. Für Sie wichtig zu wissen: Die Wirkung tritt verzögert auf. Es drohen ein anticholinerges Syndrom sowie kardiale Erregungsleitungsstörungen (QRS-Verbreiterung, verlängerte QT-Zeit), Koma, Krämpfe und Herz-Kreislauf-Versagen.Bei EKG-Auffälligkeiten ist Natriumbikarbonat (8,4 %, 1–2 ml/kg KG) indiziert sowie Magnesiumsulfat (bei verlängerter QT-Zeit). Gelingt es in der Klinik nicht, die Kreislaufsituation mit Katecholaminen zu stabilisieren, kann eine extrakorporale Blutzirkulation notwendig werden.
  • SSRI und SNRI: Auch unter diesen Antidepressiva kommen Intoxikationen vor mit Bewusstseinstrübung, Übelkeit, Erbrechen, Tachykardie und Hypotonie und (selten) Krampfanfällen. Es kann zudem auch bei Komedikation mit anderen Psychopharmaka zum Serotoninsyndrom mit Verwirrtheit, Unruhe, Hyperthermie und neuromuskulären Symptomen wie Myoklonien, Tremor und Hyperreflexie kommen. Die Kardiotoxizität lässt sich bei SSRI/SNRI-Überdosierung ebenfalls durch Bicarbonat beeinflussen.

Retardpräparate besonders tückisch

  • Quetiapin: Hat ein Patient mehr als 3 g aufgenommen, stellen sich Symptome wie Schläfrigkeit, Delir, Tachykardie, Hypotension und Krampfanfälle ein. Mitunter tritt ein anticholinerges Syndrom auf, das die Gabe von Physostigmin verlangt. Eine verlängerte QT-Zeit weist auf Kardiotoxizität hin. Besonders hohe Gefahr, warnte der Toxikologe, geht von Retardpräparaten aus, da diese über Tage hinweg für ansteigende Serumspiegel sorgen. Hat ein Patient mehr als 10 g eines Retardpräparates geschluckt, muss man eine orthograde Darmspülung veranlassen.
  • Digitalis: Die früher gefürchtete Intoxikation hat etwas von ihrem Schrecken verloren, seit Antikörper gegen das Herzglykosid verfügbar sind, die Letalität sank von 50 % auf 5 %.Typischerweise machen Übelkeit, Farbsehstörung und Arrhythmien Sie auf die Fingerhut-Vergiftung aufmerksam.
  • Betablocker: Ein „Zuviel“ ist besonders bei unspezifischen bzw. lipophilen Vetretern dieser Substanzklasse riskant. Allerdings bedarf es für eine Intoxikation schon einer massiven Überdosierung, so der Experte, diese lässt sich dann allerdings kaum mehr beherrschen.Das EKG zeigt Bradykardie, AV-Block und QRS-Verbreiterung, es kommt zum Kreislaufversagen. Bereits eine geringe Volumenüberladung treibt den Patienten ins Lungenödem (Vorsicht mit Infusionen!). In der Klinik werden Katecholamine eingesetzt sowie evtl. Glukose/Insulin in hohen Dosen oder hoch dosiertes Glukagon.
  • Kalziumantagonisten: Die höchste Toxizität bei Überdosierung zeigen die Vertreter vom Verapamiltyp. Klinische Zeichen treten verzögert auf – eine vorübergehende Reflextachykardie gefolgt von Bradykardie, AV-Block und Kammerersatzrhythmen.Als wichtige Warnhinweise nennt der Experte Apathie, Hyperglykämie und eine beginnende metabolische Azidose. Bei Einnahme von Retardpräparaten muss man eine orthograde Darmspülung erwägen. Auch die Gabe von Insulin mit hohen Glukosedosen hat sich bewährt, während Kalziumchlorid bei schweren Vergiftungen wirkungslos ist.

Vom Arzt mit Lithium vergiftet?

Wegen der geringen therapeutischen Breite von Lithium stellen iatrogene bzw. akzidentelle Vergiftungen keine Seltenheit dar. Als häufige Ursache nennt Prof. Zilker den gleichzeitigen Einsatz von Hydrochlorothiazid bei Hypertonikern. Das Diuretikum bewirkt eine erhöhte renale Rückresorption ausgeschiedener Lithium-Ionen.

Resultierende Symptome reichen von Somnolenz und Dysarthrie über Rigor und Tremor bis zur Niereninsuffizienz. Die rettende Therapie heißt: Ausgleich der Natriumverarmung und Hämodialyse.

 

*Selektive Serotonin-Reuptakehemmer
**Serotonin-Noradrenalin-Reuptakehemmer

Quelle:

Thomas Zilker, Dtsch Med Wochenschr 2014; 139: 31-46

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