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Dr. Anja Braunwarth, Foto: thinkstock

Schwerhörig? So klären Sie die Ursache!

Die Ursache eines Hörverlusts lässt sich oft schon anhand von drei Kernfragen anamnestisch genauer eingrenzen. Zunächst gilt es den Verlauf genauer zu eruieren (akut, chronisch, fluktuierend, rezidivierend). Zudem muss man wissen, ob ein ein- oder beidseitiges Defizit vorliegt und schließlich, wie stark der Patient in seiner täglichen Kommunikation eingeschränkt ist.

Als nächstes gilt es, Begleitsymptome aus dem HNO-Bereich zu erfragen. Dazu zählen Schwindel, Tinnitus, Otalgie, Beschwerden an Kopf/Nacken (Schmerzen, Schwellungen), nasale Obstruktion und Epistaxis, schreiben zwei britische Kolleginnen. Schließlich müssen Risikofaktoren für Ohrenerkrankungen evaluiert werden. Dazu zählen Infektionen, Traumata und Operationen ebenso wie Lärmexposition und die Einnahme ototoxischer Medikamente wie Aminoglykoside, Salicylate, Zytostatika (v.a. platinbasierte), Chinin und hochdosierte Schleifendiuretika.

Red Flags umgehend abklären und behandeln

Nicht zu unterschätzen ist der Einfluss des Diabetes, er verdoppelt das Risiko eines Hörverlustes. Schlaganfälle und Vaskulitiden kommen ebenfalls als Ursache infrage. Auch eine familiäre Vorbelastung, z.B. für eine Otosklerose (autosomal-dominanter Erbgang) gilt es zu eruieren. Auf keinen Fall übersehen werden dürfen auch bei älteren Patienten sog. Alarmzeichen (Red flags), wie plötzlicher Beginn oder Blutung aus dem Ohr, die eine rasche Abklärung erfordern.

Eine umgehende Überweisung zum Facharzt empfehlen die britischen Kolleginnen außerdem bei Patienten mit plötzlichem sensorineuralen Hörverlust, Sekretion aus dem Mittelohr, fokaler Neurologie mit Cholesteatom und maligner Otitis externa. Bei der klinischen Untersuchung ist auf anatomische Veränderungen, Sekretion und Anomalien des Trommelfells zu achten.

Behindert festsitzendes Cerumen die Sicht, kann der Patient dieses durch die einwöchige Anwendung von olivenölhaltigen Tropfen erweiche, anschließend spült der Arzt den Gehörgang. Ein retrahiertes Trommelfell spricht für wiederholte Infektionen und kann zu Erosionen an den Gehörknöchelchen sowie zur Perforation und Bildung eines Cholesteatoms führen. In Verbindung mit einem Hörverlust oder persistierender Otorrhoe sollte dieser Befund Anlass zu weiterführenden Untersuchungen geben.

Red flags bei Hörverlust:

  • plötzlicher Beginn (innerhalb von 72 Stunden) oder rasch fortschreitende Symptomatik: Ausschluss Akustikusneurinom
  • asymmetrischer Hörverlust mit oder ohne Tinnitus: Ausschluss Akustikusneurinom
  • Schmerzen oder Blutung aus dem Ohr nach Schädeltrauma: Schläfenbeinfraktur oder Diskontinuität der Gehörknöchelchen ausschließen
  • M. Paget: Frühe Behandlung kann den Grad des Hörverlustes reduzieren

Flüstertest zur Abschätzung des Hörverlustes

Der Grad eines Hörverlustes lässt sich in der Praxis mit einem einfachen Flüstertest abschätzten. Eine Armlänge hinter dem Patienten stehend, flüstert man diesem seitengetrennt (das andere Ohr abgedeckt) eine Kombination von Zahlen und Buchstaben ins Ohr, die er wiederholen soll (z.B. 7F9). Funktioniert das problemlos, ist das Hörvermögen intakt. Anderenfalls wird der Versuch wiederholt. Der Flüstertest gilt als „bestanden“, wenn der Patienten mindestens drei von sechs möglichen Kombinationen korrekt wiedergeben kann.

Ursachen der einseitigen Schwerhörigkeit

Einen Hinweis auf die Art der Störung liefern Rinne- und Weber-Test. Wird Schall über Luftleitung besser als über Knochenleitung gehört (Rinne positiv), spricht dies für ein normales Gehör oder einen sensorineuralen Schaden. Umgekehrt (Rinne negativ) ist von einer Schallleitungsschwerhörigkeit auszugehen. Letztere führt auch zur Klanglateralisierung ins betroffene Ohr beim Weber-Test, während bei sensorineuraler Taubheit die Töne ins gesunde Ohr projiziert werden. Bei einer einseitigen Schallleitungsschwerhörigkeit muss man vor allem mit drei Ursachen rechnen:

  • Verlegung des Gehörgangs (z.B. durch Cerumen),
  • Trommelfellperforation: traumatische Perforationen heilen i.d.R. spontan, marginale bergen ein hohes Cholesteatom-Risiko und bei chronisch suppurativer Otitis media muss oft operiert werden.
  • Erguss im Mittelohr: bei Erwachsenen selten, wenn, sollt man eine Sinusitis bzw. Obstruktion der Tuba eustachii (Tumor?) ausschließen

Differentialdiagnosen der bilateralen Schwerhörigkeit

Häufigste Ursache einer bilateralen Schallleitungsschwerhörigkeit ist die Otosklerose, dabei verschlechtert sich das Gehör schrittweise (mit oder ohne Tinnitus), das Trommelfell erscheint oft normal. Ein unilateraler sensorineuraler Hörverlust weckt den Verdacht auf einen M. Meniere. Charakteristisch ist ein fluktuierender Hörverlust, verbunden mit episodischem Schwindel, Tinnitus und einem Druckgefühl im Ohr.

Als weitere Ursache kommt ein Akustikusneurinom, es kann in seltenen Fällen auch beidseitig auftreten und löst einen progressiven Hörverlust mit begleitendem Tinnitus aus. Einem bilateralen sensorineuraler Hörverlust liegt bei Senioren meist eine Alterschwerhörigkeit zugrunde: Das Audiogramm zeigt einen symmetrischen bilateralen Verlust hoher Frequenzen, bei Lärmschwerhörigkeit besteht dagegen eine klassische Lücke bei 4000 Hz.

Quelle: Rachel Edmiston et al., BMJ 2013; 346: f2496

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