Medical Tribune
10. Jan. 2023Komplementäre Krebstherapien

Wann eine Misteltherapie helfen kann

Mistelpräparate werden häufig begleitend zu einer Chemotherapie oder Strahlentherapie gegeben, um die Lebensqualität unter der Behandlung zu verbessern. Darüber hinaus gibt es in einigen Entitäten Hinweise auf einen lebensverlängernden Effekt der begleitenden Misteltherapie.

Eine begleitende Misteltherapie kann unterschiedliche Aspekte der Lebensqualität verbessern.
Santje09/gettyimages

Im Gegensatz zu alternativen Therapien, die anstelle konventioneller Verfahren empfohlen werden, beinhaltet die komplementäre Medizin eine ergänzende Therapie zur Basistherapie (integrative Therapie). Eine wichtige Behandlung in der integrativen Onkologie ist die Misteltherapie.

«Häufig wollen Patienten gern selbst aktiv werden, und neben der Therapie iihre Heilung selbst zusätzlich unterstützen», erklärt Dr. Teelke Beck, Fachärztin FMH Gynäkologie/Geburtshilfe und Senologin am gynosense Uster (1). Untersuchungen zufolge suchen mindestens 40 Prozent aller Patienten, daher nach komplementären Methoden.

Woher wissen die Patienten überhaupt von der Misteltherapie?

Das zeigt auch eine Umfrage bei 200 Krebspatienten durch das Kompetenznetz Komplementärmedizin in der Onkologie (KOKON). Sie zeigt: Die Misteltherapie ist die am häufigsten nachgefragte komplementärmedizinische Methode.

«Interessant ist», so Dr. Beck, «dass 80 Prozent der Patienten durch Freunde und Familie von komplementären Mitteln erfahren. Nur zu einem Prozent ist es der Arzt, der den Patienten darauf bringt». Noch viel gravierender findet sie allerdings, dass ein grosser Teil dieser Patienten den Gebrauch von komplementären Mitteln verschweigt, aus Angst vor Ablehnung. «Hier sind Mediziner gefragt, Abhilfe zu schaffen». Sie empfiehlt Ärzten, sich auch in diesem Bereich weiterzubilden. Davon kann die Therapie möglicherweise profitieren, und viele komplementären Methoden werfen kein zusätzliches Risiko auf.

Eine der bestgeprüften Komplementärtherapien

«Die Diskussionen um die Misteltherapie werden ja teilweise sehr kontrovers und oft höchst emotional geführt,» so Dr. Beck. Mittlerweile zeigen jedoch diverse wissenschaftliche Studien, dass die Misteltherapie die Lebensqualität verbessert, und in bestimmten Fällen sogar das Leben verlängern kann. «Metaanalysen und internationale Leitlinien zeigen, dass es sich in der Onkologie und speziell bei Brustkrebs lohnt, integrative Ansätze wie die Misteltherapie einzusetzen,» betont die Expertin.

Erste Studien stammen bereits aus den 1940er Jahren. Seither besteht eine rege wissenschaftliche Forschungsarbeit. Zu Brustkrebs und gynäkologischen Tumoren existieren etwa 17 randomisierte und 14 nicht-randomisierte prospektive Studien, sowie 12 retrospektive vergleichende Untersuchungen und 20 Beobachtungsstudien.

Verschiedene Inhaltsstoffe je nach Erntezeit

In der Krebstherapie angewendet wird hauptsächlich ein Extrakt aus der weissbeerigen Mistel (Viscum album L.), der ein komplexes Gemisch an chemischen Inhaltsstoffen darstellt. Die darin wirksamen Hauptbestandteile ist das Eiweiss Mistellektin und ein Toxin, das Viscotoxine: Diese zeigen eine zytotoxische und Apoptose induzierende sowie immunmodulierende Wirkung.

Es gibt es verschiedene Hersteller von Mistelpräparaten. Dabei mischen sie im Sommer und im Winter geerntete Pflanzenteile, jedoch in unterschiedlichen Anteilen. Da zum Beispiel im Sommer die Mistel mehr Visotoxin und im Winter mehr Lektin enthält, ist je nach Mischungsverhältnis die Wirkung unterschiedlich.

Wichtig ist beim Einsatz der Misteltherapie, dass die konventionelle Therapiewirkung nicht abgeschwächt wird. Eine Analyse aus 2016 zeigte, dass die Misteltherapie, in Kombination mit einer Chemotherapie, sich positiv auf die Lebensqualität auswirkt. Die selbe Studie beobachtete keinen negativen Einfluss der Misteltherapie auf die Wirkung der Chemotherapie – mit einer Nachbeobachtungszeit von fünf Jahren. Das spiegelt auch die Situation bei in-vitro-Studien wider, die keinerlei Interaktionen der Misteltherapie mit den Standardtherapien zeigen.

Einige Analysen zeigen sogar eine mögliche synergistische Wirkung. Zu neueren Krebsmedikamenten, welche in das Immunsystem eingreifen (z. B. Monoklonale Antikörper, Checkpoint-Inhibitoren) gibt es noch kaum Daten. Die bestehende Wissensbasis deutet aber zumindest nicht auf negative Interaktionen hin.

Eine weitere Untersuchung aus dem Jahr 2013 zeigte, dass die Misteltherapie beim fortgeschrittenen Pankreaskarzinom den Gesundheitsstatus der Patienten global verbessern konnte. Eine kürzlich veröffentlichte Metaanalyse zur Misteltherapie mit 26 Publikationen zeigten einen signifikanten Effekt in Bezug auf die Verbesserung der Lebensqualität. «Auch im Zusammenhang mit der Fatigue zeigte die Misteltherapie definitiv eine positive Wirkung. Eine Metaanalyse aus dem Jahr zeigte einen moderaten Effekt auf die Fatigue von Krebspatienten, der Effekt war vergleichbar mit der von körperlicher Aktivität», sagt Dr. Beck. Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2020 zeigte ausserdem eine Verlängerung des Patientenüberlebens durch eine Misteltherapie beim Zervixkarzinom. Beim Bronchialkarzinom waren die Effekte hingegen nur gering ausgeprägt.

Interaktionen und Kontraindikationen der Misteltherapie

Um Kontraindikationen vor der Gabe der Mistel zu erkennen, sowie unerwünschte Wechselwirkungen mit anderen Therapiemassnahmen zu vermeiden, ist die Indikationsstellung komplementärmedizinischer Behandlungsmethoden durch fachkundige Ärzte erforderlich. Für die Expertin kann die Misteltherapie aber sicher als supportive Therapie bei den meisten Krebspatienten empfohlen werden. Die Deutsche S-3-Leitlinie vom Jahr 2021 empfiehlt die Misteltherapie auf eine Empfehlung Grad 0 (sogenannte «Kann»-Empfehlung) und mit Level of Evidence 1a (gesicherte Wirkung, empfehlenswert) zur Verbesserung der Lebensqualität.

Auch die American Society of Clinical Oncology (ASCO) übernimmt seit 2018 die Einschätzung einer «Kann»-Empfehlung zur Verbesserung der Lebensqualität. Menschen mit bekannten Allergien auf Mistelzubereitungen sowie Patienten mit fieberhaften oder entzündlichen Zuständen sollten keine Misteltherapie erhalten. Keine Misteltherapie erhalten sollten laut Dr. Beck Patienten mit chronischen granulomatöse Erkrankungen, floriden Autoimmunerkrankungen und Patienten unter immunsuppressiver Therapie. Und auch Patienten mit Hirnmetastasen sowie Menschen mit Hyperthyreose mit nicht ausgeglichener Stoffwechsellage sollten eine Misteltherapie nur unter strenger Indikationsstellung erhalten.

Referenzen

  1. WebUp «Integrative Onkologie mit Misteltherapie» des Forum Medizin Fortbildung (FOMF) vom 03.11.2022
  2. AWMF. S3-Leitlinie Komplementärmedizin in der Behandlung von onkologischen PatientInnen, 1. September 2021