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Für mehr Schönes in der analogen Welt sorgen

Internetsucht bei Jugendlichen vorbeugen, erkennen und behandeln

Ein Teenager Mädchen sitzt im Schneidersitz am Boden im Dunkeln vor einer, den Kopf in die eine Hand gestützt, in der anderen hält sie ihr Handy. Ein Projektor projiziert Bilder eines Social Media Feeds auf sie und die Rückwand.

Jugendliche verbringen immer mehr Zeit im Internet. Doch die Dauer, die sie mit Gaming, Surfen oder Chatten verbringen, ist nicht der ausschlaggebende Faktor, ob die Nutzung von Internet-Anwendungen suchtartig ist oder nicht. Der Berner Psychiater Prof. Michael Kaess erklärt, wie man echte Internetsucht erkennt, und was dagegen getan werden kann.

Ohne Internet geht heute nichts mehr. Die Grenzen zwischen virtueller und realer Welt verwischen zunehmend. Mit Gadgets wie Smartphone und Uhr sind wir heute auch im Internet, ohne dass wir es merken.

Wann sind wir eigentlich noch offline?

«Es wird immer schwieriger, überhaupt zu sagen, wann wir on- und offline sind», erklärt
Professor Dr. Michael Kaess, Ärztlicher Direktor der Universitären Psychiatrischen Dienste und Direktor der Universitätsklinik für Kinder- und Jugend-Psychiatrie in Bern (1).

Ein grosser Teil der Menschen benutzt das Internet sinnvoll und in einem normalen Mass. Das gilt auch für Jugendliche. Laut Zahlen aus Deutschland waren 2010 etwa vier bis fünf Prozent der Jugendlichen internetsüchtig, und 15 Prozent hatten einen riskanten Konsum. Die Prävalenz ist bis 2015 weiter gestiegen. Seither besteht ein Steady-State. «Das Internet per se ist nicht schädlich», betont der Experte. Problematisch sind bestimmte Internet-Anwendungen und dass sich das Internet viel schneller entwickelt hat als die Gesetzgebung.

Allgemeine Suchtkriterien müssen erfüllt sein

Dabei korreliert zwar die Nutzungsdauer mit der Internetsucht. «Sie ist aber nicht das Kriterium für eine Abhängigkeit», sagt Prof. Kaess. Denn Internetkonsum ist analog zur Alkoholsucht erst pathologisch, wenn allgemeine Suchtkriterien erfüllt sind.

Eine Suchterkrankung liegt vor, wenn mindestens drei der von der WHO definierten Kriterien für eine Abhängigkeit erfüllt sind. Zu ihnen gehören Craving, Kontrollverlust, Entzugserscheinungen, Toleranz­entwicklung, Vernachlässigung von Interessen und Pflichten sowie Weitermachen trotz negativer Konsequenzen.

Ähnliche Sucht-Kriterien sind auch in DSM-5 definiert. Das Manual der US-Psychiater enthält zudem die Diagnose «Internet Gaming Disorder». Für dieses Krankheitsbild sind die zwei zusätzlichen Kriterien «Dissimulation/Bagatellisieren» und «dysfunktionale Stressbewältigung» definiert.

Im DSM-5 und neu auch im ICD-11 ist bislang nur das exzessive Computerspiel als offizielle Diagnose bei der Internetsucht aufgeführt. «Tatsächlich gibt es aber noch andere Formen der suchtartigen Nutzung von Internetanwendungen», betont Prof. Kaess. So gibt es neben einer Gaming-Disorder, die hauptsächlich junge Männer betrifft, auch eine «Social Media Disorder». Diese kommt vor allem bei Mädchen und jungen Frauen vor. Hinzu kommen eine Surf- oder Pseudo-Informationssucht, sowie eine Online-Pornografiesucht. Beides betrifft weniger die Jugendlichen, sondern primär Männer im mittleren Alter.

Leidensdruck tritt erst sehr spät auf

Exzessives Computerspiel kann bei Adoleszenten auch einfach einmal nur eine Phase sein. «Erfüllt aber ein Jugendlicher Suchtkriterien, handelt es sich um eine Erkrankung und muss von einem nichtpathologischen vorübergehenden adoleszenten Risikoverhalten abgegrenzt werden», betont Prof. Kaess. Über 80 Prozent der suchtartigen Computerspieler müssen denn auch nach zwei Jahren noch als süchtig klassifiziert werden.

Wie andere Abhängigkeitserkrankungen geht auch die Internetsucht oft mit anderen psychischen Problemen einher. Sie kommt vor allem zusammen mit Depression, Angst, Verhaltensproblemen und ADHS vor und korreliert mit einem erhöhten Risiko für Selbstschädigung und Suizidalität.

Zu den Risikofaktoren für eine Internetsucht gehören eine schlechte Eltern-Kind-Bindung sowie bestimmte Temperamentsmerkmale wie Schüchternheit, soziale Unsicherheit, ADHS und soziale Phobie. Auch Umweltfaktoren (Kindheitstrauma, missbräuchliches Familienumfeld) und Stress spielen eine grosse Rolle.

«Internetsüchtige haben einerseits mehr Stress und anderseits reagieren sie auch stärker auf Stress als gesunde Jugendliche», erläutert Prof. Kaess. So stecken sie in einem Teufelskreis: Mit dem Eintauchen in die virtuelle Welt verdrängen sie ihre Probleme, die sie in der realen Welt haben. Die Krux ist: Je länger ein Jugendlicher online Erfolg, Anerkennung, Belohnung und Entspannung erfährt, desto grösser werden seine Probleme offline. Dadurch kann sich im Verlauf eine Sucht entwickeln.

Verbote sind nicht zielführend

«Im Vergleich zu anderen Abhängigkeitserkrankungen stellt sich bei Internetsüchtigen der Leidensdruck erst sehr spät ein», so Prof. Kaess. Denn die Jugendlichen können online fast alles bekommen, was ihnen in der realen Welt abgeht: Sie können Beziehungen haben, Geld verdienen, Sex haben, Anerkennung bekommen. «Jugendliche mit exzessivem Internet- und Medienkonsum suchen deshalb immer erst sehr spät Hilfe», erklärte der Experte.

Präventiv können elterliche Fürsorge und Interesse positiv beeinflussen, was der Heranwachsende in der realen und virtuellen Welt macht, und wie er sich fühlt. Verbote indes sind laut Prof. Kaess nicht zielführend. «Statt dem Jugendlichen zu sagen, der exzessive Internetkonsum müsse aufhören, sollten sich Eltern vielmehr um Schönes in der realen Welt des Jugendlichen kümmern», betonte er. Denn finden Internetsüchtige Schönes in der realen Welt, brauchen sie die Kompensation in der heilen virtuellen Welt nicht mehr. «Evidenzbasiert behandelt wird eine Internetsucht mit einer Verhaltenstherapie», führt der Psychiater weiter aus.

Referenz
  1. KHM-Jahreskongress, 30.Juni bis 1. Juli 2022, Luzern
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