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Neue Diagnosekriterien

Die metabolisch gesunde Adipositas korrekt eingrenzen

Eine grossangelegte Neuüberprüfung der Kriterien zur Definition der metabolisch gesunden Adipositas hilft, Menschen mit Adipositas und erhöhtem Herz-Kreislauf-Risiko besser zu identifizieren.

Weltweit hat sich der Anteil der Personen mit Übergewicht und Adipositas zwischen den Jahren 1975 und 2016 fast verdreifacht (1). In der Schweiz haben rund 42 Prozent der erwachsenen Bevölkerung Übergewicht, 11 Prozent Adipositas. Dabei beginnt die Fettleibigkeit nicht erst im Erwachsenenalter: Bereits 15 Prozent der Schweizer Kinder und Jugendlichen haben mit Gewichtsproblemen zu tun (2).

Ungesunder „Birnen-Typ“

Bei vielen Patienten ist eine Adipositas vergesellschaftet mit kardiometabolischen Störungen, die von Glukoseintoleranz, Entzündungen, Hypertonie, Dyslipidämie und dem metabolischen Syndrom bis zum Typ-2-Diabetes und der nichtalkoholischen Fettlebererkrankung reichen. Dieses komplexe metabolische Krankheitsbild erhöht dann das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen.

Eine Adipositas liegt vor, wenn Body-Mass-Index (BMI) 30 kg/m2 überschreitet. Kardiometabolische Komplikationen treten jedoch nicht bei allen Menschen auf, die defintionsgemäss dieses Kriterium erfüllen. Bei einer Untergruppe von Personen mit Adipositas treten Anzeichen für Herz-Kreislauf- oder Stoffwechselstörungen seltener auf. Diese Art der Adipositas wird oft als „metabolisch gesund“ bezeichnet. Menschen mit metabolisch gesunder Adipositas zeichnen sich häufig dadurch aus, dass sie einen eher gynoiden Körperbau („Apfel-Typ“) haben, bei der sich das Fett an der Hüfte anstatt in der Körpermitte ablagert.

Wie gesund ist die metabolisch gesunde Adipositas?

Nach wie vor ist es nicht völlig geklärt ob Menschen mit metabolisch gesunder Adipositas wirklich das gleiche kardiovaskuläre Risiko wie gesunde Normalgewichtige. Zwar gibt es Untersuchungen, die genau das andeuten – andere zeigten jedoch sehr wohl vermehrte kardiometabolische Komorbiditäten bei den „metabolisch Gesunden“ (3,4).

Ebenfalls noch unklar ist, wieviele Menschen mit Adipositas diesem Typ angehören. Ausserdem ist unbekannt, ob Menschen mit metabolisch gesunder Adipositas später in die metabolisch ungesunde Adipositas abrutschen können (5).

Ein Mitgrund für diese Fragezeichen ist, dass es keine allgemeingültige Definition für die metabolisch gesunde Adipositas gibt. In den relevanten Forschungsarbeiten bis 2019 wurden mehr als 30 unterschiedliche Definitionen gefunden (3).

Taille-Hüft-Verhältnis entscheidet, Dyslipidämie nicht

Eine neue Studie testete nun, wie gut sich kardiovaskuläre Ereignisse mittels unterschiedlichen Kriterien vorhersagen liessen (6). Verwendet wurden dabei Daten von 386 420 Personen aus der grossen National Health and Nutrition Examination Survey (NHANES-III) –Studie, sowie der UK Biobank.

Dabei wurde sichtbar, dass drei Kriterien die besten Prädiktoren für ein niedriges kardiovaskuläres Risiko bei Menschen mit Adipositas waren:

  1. Systolischer Blutdruck ≤ 130mm Hg und keine Einnahme von Blutdrucksenkern
  2. Ein Taille-Hüft-Verhältnis von weniger als 0.95 (Frauen) bzw. 1.03 (Männer)
  3. Kein prävalenter Typ-2-Diabetes

Menschen mit metabolisch gesunder Adipositas: besser ausgebildet, weniger krank

In der neuen Studie hatten Menschen, die nach diesen Kriterien eine metabolisch gesunde Adipositas hatten, kein höheres Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse oder Tod als die generelle Bevölkerung. Als besonders entscheidend erwies sich das Taille-Hüft-Verhältnis, wogegen die oft als kardiovaskulärer Risikofaktor herangezogene Dyslipidämie weitgehend irrelevant war (6). Das Taille-Hüft-Verhältnis spiegelt den Anteil des abdominalen Fetts wider, das eine Rolle bei Insulinresistenz und Dyslipidämie spielt (7).

Insgesamt 40 Prozent der adipösen Teilnehmer in der NHANES-III-Studie hatten eine metabolisch gesunde Adipositas. Die Forscher beobachteten, dass es sich bei den metabolisch Gesunden mit höherer Wahrscheinlichkeit um Personen mit höherem Bildungsstand, höherem Einkommen, und weniger Begleiterkrankungen handelte als bei Teilnehmern mit metabolisch ungesunder Adipositas (6).

Guter Lebensstil auch bei metabolisch gesunder Adipositas

Für die Epidemiologin Ayana K. April-Sanders, PhD, vom Albert Einstein College of Medicine in New York, schafft die Studie nun die notwendige Evidenz für eine generelle Definition der metabolisch gesunden Adipositas (5). In einem begleitenden Editorial zu Studie rät sie jedoch, Patienten mit metabolisch gesunder Adipositas weiterhin gut zu beobachten: „Wir wissen aus früheren Arbeiten, dass der Zustand der metabolisch gesunden Adipositas sehr wahrscheinlich nicht stabil ist. Das Risiko, dass Patienten in einen metabolisch ungesunden Zustand übergehen ist beträchtlich.“

Das Fortbestehen des metabolisch gesunden Zustandes ist davon abhängig, ob ein guter Lebensstil gepflegt wird, sowie, ob das Auftreten eines metabolischen Syndroms vermieden werden kann. Gefahren für den metabolisch stabilen Zustand stellen Gewichtszunahmen, der Alterungsprozess, und Verschlechterungen beim Lebensstil dar.

Referenzen:
  1. World Health Organization. Fact sheet obesity and overweight. Abgerufen am 7.Mai 2021
  2. Bundesamt für Gesundheit BAG. Übergewicht und Adipositas. Abgerufen am 7. Mai 2021
  3. Smith GI et al. Metabolically healthy obesity: facts and fantasies. J Clin Invest. 2019 Oct 1;129(10):3978-3989. doi: 10.1172/JCI129186.
  4. Caleyachetty R et al. Metabolically Healthy Obese and Incident Cardiovascular Disease Events Among 3.5 Million Men and Women. J Am Coll Cardiol. 2017 Sep 19;70(12):1429-1437. doi: 10.1016/j.jacc.2017.07.763.
  5. April-Sanders AK et al. Metabolically Healthy Obesity Redefined. JAMA Netw Open. 2021 May 3;4(5):e218860. doi: 10.1001/jamanetworkopen.2021.8860.
  6. Zembic A et al. An empirically derived definition of metabolically healthy obesity based on risk of cardiovascular and total mortality. JAMA Netw Open. 2021 May 3;4(5):e218505. doi: 10.1001/jamanetworkopen.2021.8505.
  7. Huxley R et al. Body mass index, waist circumference and waist:hip ratio as predictors of cardiovascular risk—a review of the literature. Eur J Clin Nutr. 2010;64(1):16-22. doi:10.1038/ejcn.2009.68
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