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Was Sie im Fall eines konvulsiven Anfalls tun und lassen sollten

Locker bleiben beim krampfenden Kind

Wenn ein Kind krampft, können auch gestandene Praktiker leicht tachykard werden. Akute konvulsive Anfälle verlaufen aber meist weniger dramatisch, als es zunächst aussieht. Verschaffen Sie sich einen Überblick und machen Sie sich dann an die Arbeit.

«Wir brauchen hier einen Arzt!» Und plötzlich stehen Sie vor einem krampfenden Kind. Die allermeisten konvulsiven Anfälle sistieren von selbst, beruhigen Dr. Moritz Tacke von der Abteilung für Pädiatrische Neurologie, Entwicklungsneurologie und Sozialpädiatrie vom Epilepsiezentrum am Dr. von Haunerschen Kinderspital der Uniklinik München und seine Kollegen. Daneben stehen bleiben und warten, dass sich die Situation­ beruhigt, sollte dennoch niemand.

Zuerst potenziell gefährliche Gegenstände wegräumen

Als wichtigste Erstmassnahme, so die Kollegen, müssen Sie eine sichere Umgebung schaffen. Gefährlich sind nicht nur Strassen oder Gleise, auch gefährliche Alltagsgegenstände – ob zerbrechlich, schwer oder elektrisch – sollten aus dem direkten Umfeld entfernt werden. Was auf keinen Fall indiziert ist: Beisskeile oder ähnliche Gerätschaften mit Gewalt in den Mund schieben, um Zungenbisse zu vermeiden. Das Risiko, das Kind dabei zu verletzen ist, wesentlich grösser als der mögliche Nutzen.

Wenn Sie das Kind nicht kennen bzw. nicht wissen, dass ein Anfallsleiden bereits gesichert ist, alarmieren Sie ausserdem den Rettungsdienst mit notärztlichem Kollegen. Danach folgt das bekannte ABCD-(Notfall-)Schema: Bringen Sie das Kind in die stabile Seitenlage, entfernen Sie ggf. erbrochenen Mageninhalt aus dem Mund-Rachen-Raum, um die Atemwege freizuhalten und Aspirationen zu verhindern etc. Bei (myo-)klonischen Anfällen sollten Sie zusätzlich Kopf, Arme und Beine so gut wie möglich abpolstern, um Begleittraumata zu verhindern.

Weitere Basismassnahmen wie Beatmung und Herzdruckmassage sind nur in seltenen Ausnahmefällen nötig. Ebenfalls selten müssen Sie in die Medikamentenkiste greifen (s. Tabelle). Nur dann, wenn der Anfall gar nicht aufhören will. Die Pharmakotherapie ist eigentlich nach etwa drei Minuten erforderlich, schreiben die Kinderärzte, obwohl das bei Kindern mit erstmaligem Anfall oft kaum realisierbar ist. Mittel der ersten Wahl sind immer noch über die Schleimhaut resorbierbare Benzodiazepine, vor allem bukkales Midazolam­.

Atemdepression nach wiederholter Benzogabe

Dauert der Anfall länger als 3 Minuten, legen Sie einen intravenösen Zugang – möglicherweise brauchen Sie ihn noch für weitere Medikamente – und wiederholen die Benzo-Gabe (i.v.). Im Falle eines Status epilepticus (ab 5 Min. bei tonisch-klonischen Anfällen, ab 10 Min. bei fokalen), müssen Sie schwerere Geschütze mit einem anderen Wirkmechanismus auffahren, denn die Effektivität der Benzos nimmt ab und zusätzlich besteht bei mehr als einer Wiederholung die Gefahr einer Atemdepression. Die Kollegen empfehlen vor allem Levetiracetam i.v., Alternativen sind etwa Valproat, Phenobarbital und Phenytoin – aber cave Kontraindikationen und Nebenwirkungen.

Ein erstmaliger Anfall muss immer auf eventuelle kausale, behandelbare Ursachen hin abgeklärt werden. Eine Grunderkrankung besteht bei etwa jedem dritten Kind mit erstem epileptischem Status.

Wenn möglich, den Blutzucker messen

Dazu gehören zum Beispiel ZNS-Infektionen, ein vorangegangenes Schädel-Hirn-Trauma, Medikamentennebenwirkungen oder Stoffwechselentgleisungen. Wenn machbar, sollten Sie den Blutzucker messen, Hypoglykämien sind in diesen Fällen nicht selten. Bleibt die Ursache unklar, braucht der junge Patient eine bildgebende Diagnostik. Und auch wenn die Diagnose Epilepsie bereits bestand: Ein Anfall ist ein Zeichen dafür, dass sich die Therapie noch optimieren lässt. Informieren Sie also den behandelnden Pädiater oder Kinderneurologen über den Vorfall.

Medikamente bei epileptischem Anfall im Kindesalter
Arzneimittel Applikation, Dosis Nebenwirkungen und Warnhinweise
Midazolam (am besten) bukkal je nach Lebensalter 2,5 mg
(Säuglinge) bis 10 mg (ab dem 10. Lebensjahr bei
Wiederholung 0,2 mg/kg i.v.
Diazepam rektal, möglichst nicht in der Öffentlichkeit
5 bzw. 10 mg (bei Körpergewicht unter bzw. ab 15 kg)
Levetiracetam 40 mg/kgKG i.v.
Phenobarbital 15 mg/kgKG i.v. stark sedierend, lange Halbwertszeit
Phenytoin 20 mg/kgKG i.v. bei Paravasaten lokal toxisch,
Gefahr von Herzrhythmusstörungen
Valproat 20 mg/kgKG i.v. kontraindiziert bei Mädchen im gebärfähigen Alter, Lebererkrankungen, Störungen des Harnstoffzyklus und Mitochondriopathien

Tacke M et al. Monatsschr Kinderheilkd 2020; 168: 113–117.

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